Silvester

Nur das Gute

Pfarrer i.R. Stephan Hüls machte sich beim Silvestergottesdienst in Schafbrücke Gedanken über die Jahreslosung 2025: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1. Thessalonicher 5,21). Marina Kavtaradze verzaubert ein letztes Mal in diesem Jahr mit ihrem Klavierspiel.

Jahreslosung 2025

Prüfet alles und behaltet das Gute. 1. Thessalonicher 5, 21

Mit der neuen Jahreslosung lade ich uns ein, zunächst einen eigenen persönlichen Rückblick auf das letzte Jahr zu wagen – eben alles gedanklich zu prüfen – und damit dann auch einen persönlichen Blick nach vorne zu bekommen und mit Gottes Hilfe das Gute zu behalten.

Desweiteren wage ich auch für die neue Gemeinde Halberg zurückzuschauen, das Gute zu entdecken, was man behalten und pflegen kann. Heute sind es noch die Gemeinden Schafbrücke und Brebach-Fechingen – morgen ist es die Gemeinde Halberg. Mit einem Schmunzeln stellte ich fest, dass ich heute den letzten Schafbrücker Gottesdienst gestalten darf.

Also zunächst zu uns. Ich lade uns ein, in unseren Köpfen und Herzen Bilder entstehen zu lassen – sprich unser Kopfkino aufleuchten zu lassen. So kann ein ganz persönlicher Film von unserem letzten Jahr aufscheinen.

Die menschliche Seite

Wer hat mir in diesem Jahr gut getan? Allein, dass sie oder er da war und ich ihre Ausstrahlung spüren durfte. Wer hat mir gute Worte zugesprochen? Hat mir Mut gemacht zum Handeln oder Entscheiden. Manchmal sind die kleinen Worte, die mir im Vorbeigehen ins Ohr kommen. Ein ander mal öffnet mir jemand mit seinen Sätzen eine neue Perspektive. Wer hat mich aufgerichtet in einer bedrückenden Situation, so dass ich zu mir selbst wieder Vertrauen finden konnte. Wer hat meinen Glauben, mein Vertrauen in Gott gestärkt? Es gibt Situationen, wo Zweifel aufkommen. Wo ich Gott nur noch wenig zutraue. Und da tut es gut, wenn ein Freund, eine Freundin mir vom eigenen Vertrauen in Gott erzählt und ich selbst wieder einen Draht zu Gott bekomme.

Das Gute behaltet – d.h. es wird gut sein, zu diesen Menschen Kontakt zu halten, Begegnungen zu suchen. Oder einfach nur offene Ohren behalten, weil Gott mich auch im Vorübergehen durch andere Menschen zu mir sprechen kann. Das wird uns und unserem Glauben gut tun – und auch andere stärken, wenn wir dadurch für andere wieder da sein können.

Dann hat es aber auch reinigenden Charakter, wenn ich die Menschen wahrnehme, die mich enttäuscht haben, die mir nicht gut getan haben. Enttäuscht heißt ja, dass ich mich mit meiner bisherigen Wahrnehmung getäuscht habe in einem anderen. Ich also etwas übersehen habe. Wessen Verhalten hat mich geärgert? Mich oder andere innerlich verletzt? Wer hat mir gegenüber die Unwahrheit gesagt, um damit vielleicht einen eigenen Vorteil zu bekommen? Wer hat nur die Hälfte gesagt, um damit ein schiefes Bild zu erzeugen, was ihm selbst genützt hat? Wer hat mir oder anderen falsche Dinge unterstellt, um mich oder andere zu demütigen? Wenn ich diese Menschen in mir wahrgenommen habe, dann wird es gut sein sie in diesem vergangenen Jahr zurückzulassen, sie und ihr schiefes Verhalten loszulassen. Und auch loslassen von der oft vergeblichen Mühe, diese Menschen zu ändern. Wen oder was ich loslassen kann, belastet mich nicht mehr. Wenn es ihnen so schwer fällt wie mir, braucht das Zeit und Übung.

Losgelöst von einzeln Menschen sind wir eingebunden in konkrete Lebensbereiche, wie Schule, Arbeit, Familie, Hobbys und Freizeit. Auch hier kann ich mit der Jahreslosung Verschiedenstes wahrnehmen.

In der Schule oder an der Arbeitsstelle: Welche Fächer, welche Arbeitsfelder machen mir Freude und gehen mir gut von der Hand? Wo bin ich gut und wo gelingen mir Aufgaben? Will ich das vertiefen und intensivieren? Wo sind die menschlichen Konstellationen so gut, dass eine tolle Arbeitsatmosphäre da ist? Welche Chefin, welcher Kollege, welche Lehrerin, welcher Mitschüler verbreitet ein gutes Klima? Lässt sich da etwas intensivieren und ausbauen?

Prüfet alles und behaltet das Gute. Gerne kann jede und jeder dieses Anschauen seiner Lebensfelder zum Jahreswechsel noch fortsetzen. Ich glaube, dass es Positives freisetzen wird.

Jetzt wage ich mich noch auf ein Feld vor, wo noch vieles im Unklaren liegt – aber große Chancen schlummern. Nachdem ich vorhin im persönlichen Umfeld assoziiert habe, ohne den Kontext des Verses zu benennen, will ich beim Nachdenken für unserer Gemeinde doch schauen, wo der Vers verankert ist. Dieser kurze Satz steht im letzten Abschnitt des Briefes von Paulus an die Thessalonicher. Es geht um letzte Ermunterungen und Ermahnungen, die Paulus der Gemeindein Thessalonich mit auf den Weg gibt. In dieser ältesten Schrift des Neuen Testamentes dankt Paulus der Gemeinde für ihren Glauben an Gott. Dieser Glaube wird von vielen außerhalb der Gemeinde wahrgenommen. Der Funke des Glaubens ist übergesprungen – hat wahrscheinlich ein kleines Glaubensfeuer entfachen können. Das Vertrauen in Gott ist für Paulus der Dreh- und Angelpunkt. Was den Glauben fördert ist gut – was den Glauben hindert, soll man vermeiden.

Und mit diesem Ziel vor Augen gibt Paulus auch Impulse zu einem Leben, das Gott gefällt. Es ist gut, wenn man die eigenen Leidenschaften unter Kontrolle hält, unter anderem im sexuellen Bereich. Im geschäftlichen Umfeld soll man sich korrekt verhalten, und sich nicht am anderen bereichern. Die gegenseitige Liebe kann für das Verhalten ein guter Maßstab sein. Und ich verstehe den Thessalonicherbrief in dem Sinne, dass ein gutes Verhalten der Gemeindeglieder die Chance erhöht, dass die  Botschaft vom lebendigen Gott aufgenommen wird.

Unsere beiden Gemeinden sind aufeinander zugegangen. Wir haben uns vorsichtig beschnuppert und schon einiges wahrgenommen. Welche Aktivitäten gibt es hier und dort? Gottesdienste, Kreise und diakonische Aktivitäten: Welche Potentiale sind in den beiden Teilen zu entdecken, die Glauben wecken? Z.B. Gottesdienste in verschiedenen Gestalten feiern. Da sind Literaturgottesdienste: Hier steckt oft viel Energie in der Vorbereitung – aber wir beobachten, dass damit ganz neue und andere Menschen anlocken – und sie hören vom Glauben. Da sind musikalische Events. Immer wieder auch in Verbindung mit gottesdienstlichen Elementen. Hier sind Verbindungen in die Musikwelt nötig – und da Musiker auch von ihrer Arbeit leben müssen, kosten diese Veranstaltungen auch etwas. Auch damit werden ganz bestimmte Menschen in die Gemeinde gelockt.  

Dann wagen wir auch immer wieder, uns politisch im Sinne des christlichen Selbstverständnisses einzumischen. Damit gehen wir hinaus und mischen uns ein – bekennen Farbe. Damit können wir zu Gehör kommen, wo andere mit lauter Stimme die christliche Nächstenliebe braun übertünchen wollen.

Im Konfiunterricht wird im Moment von einzelnen Menschen viel investiert. Menschlich und Pädagogisch. Der Unterricht ist mit der Jugendarbeit verknüpft, so dass die Jugendlichen sich über längere Zeit angesprochen fühlen können. Und das bleibt bei Menschen in Erinnerung – da kann Glaube immer wieder anknüpfen. Das sind nur Beispiele. Noch manches kann man erwähnen und dabei prüfen, wie es Glauben bei Menschen weckt.

Welche Altlasten gibt es? Die haben die Insider schon im Blick – aber wir wollen ja stärker den Blick auf das Gute behalten. Die Presbyterien haben in letzter Zeit miteinander viel überlegt, wie der künftige Weg der neuen Gemeinde aussehen kann. (Danke schön) Was will man künftig weiterhin so machen wie bisher, was will man vielleicht an Aktivitäten aufgeben, weil die manpower, womanpower oder auch das nötige Geld fehlt. Will man evtl Gebäude aufgeben, weil der Kosten-Nutzen Effekt nicht mehr passt. Nach welchen Grundsätzen will man diese Entscheidungen treffen. Paulus gibt uns in dieser Jahreslosung aus der Ferne einen handhabbaren Grundsatz: Prüfet alles und behaltet das Gute. Und aus dem Kontext wird deutlich: Gut ist, was den Glauben voranbringt und fördert. Nicht nur konservierend – also bei den Menschen, die zu dem Vertrauen in Gott gefunden haben, sondern auch Glauben stiftend bei Menschen in unserem Umfeld.

Ab Januar wird es dann einen gemeinsamen Bevollmächtigtenausschuss geben, der sich aus den Mitgliedern der beiden bisherigen Presbyterien zusammensetzt. Prüfet alles und behaltet das Gute. Diese frische Jahreslosung für 2025 liest sich geradezu wie eine Arbeitsanweisung für das Leitungsgremium der neuen Gemeinde. Wenn unsere Presbyter und Presbyterinnen das leisten wollen, dann haben sie für die nächste Zeit viel zu tun. Das ist aber nicht nur eine Losung lediglich für die Führungsetage, sondern wir sind alle angesprochen.

Prüfet alles – mit der Maßgabe das Gute zu entdecken, zu fördern und zu behalten. D.h. nicht mit dem Maßstab, was ist finanzierbar, was ist preiswerter, sondern was ist unter den finanziellen Gegebenheiten am meisten zielförderlich – und das Ziel ist: Glauben wecken. Und es kann m.E. nicht darum gehen zu sagen, das war schon immer so oder in diesem Gebäude bin ich getauft und konfirmiert worden, das soll deswegen erhalten bleiben. D.h. Traditionen sind zu prüfen, d.h. Gebäude sind auf ihren Zweck zu überprüfen, d.h. liebgewordene Gewohnheiten sind auf ihre Zielführung hin zu prüfen.

  • Schlüsselfrage: Was ist das Gute? – hier sind im Umfeld unseres Satzes im Brief einige m.E. bedenkenswerte Impulse
  • was die Verkündigung der Liebe Gottes fördert
  • was die Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist fördert
  • was Fröhlichkeit hervorbringt
  • was kritisches (unterscheidendes) Denken fördert
  • was den Schwachen stärkt, genauso wie die Menschen, die anders sind als die vermeintliche Norm
  • was Andersdenkenden einen Lebensraum gewährt
    und was alles zusammenfasst:
  • was das Vertrauen in Gott wachsen lässt

Entscheiden muss der Bevollmächtigtenausschuss – also die Presbyterinnen und Presbyter – aber das fällt denen leichter, wenn wir mitdenken und mitprüfen, was den Glauben fördert. Diese Gedanken können wir weiterreichen. Dann lassen sich Entscheidungen leichter treffen. Ein bewegendes Jahr liegt vor uns – und Gott ist mit uns. Lasst uns alles Prüfen und das Gute behalten. Amen.