Ich bin das Brot des Lebens
Der Predigttext
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt.“ (Johannes 6, 47-51)
Sonntag Laetare
Der Text aus dem Johannesevangelium stand im Mittelpunkt der Predigt von Pfarrer i.R. Stephan Hüls an Sonntag Laetare, 30. März 2025, auf dem Lorenzberg.
Die Predigt
Die Sprache und die Art der Formulierungen im Johannesevangelium haben für mich immer etwas Erfrischendes. Der Verfasser spricht und formuliert so ganz anders als die anderen biblischen Verfasser. Man spürt bei ihm so etwas wie eine kreisende Bewegung, die sich langsam einem Kern nähert. Manchmal denkt man, jetzt schweift er wieder ab – aber dann ist er plötzlich wieder ganz nah dran an seinem Thema.
Ich probiere heute, dieser Bewegung zu folgen – in der Hoffnung, dass niemand dabei schwindelig wird oder den Faden verliert. Wenn doch, ist das nicht so gefährlich. Bei der nächsten Biegung kann man wieder mit klarem Kopf dabei sein.
Es beginnt mit einem: Amen, Amen. Wir kennen diesen Ausruf hier bei uns in der Gemeinde. Manchmal erschallt er. Dann freue ich mich immer. Es ist ein Ausdruck der Lebendigkeit. In afrikanischen Gemeinden oder auch amerikanischen hört man das viel häufiger. Wir Westeuropäer sind da eher zurückhaltender (steif).
Amen kommt aus dem Hebräischen und heißt so viel wie: Ja, so ist es. Bestimmt. Oder vorangestellt in einem Satz: Achtung, ich habe jetzt was Wichtiges zu sagen. Spitz die Ohren. Jesus sagt an, dass jetzt was Wichtiges kommt.
Wer glaubt, hat ewiges Leben. Glauben ist für mich vorrangig vertrauen. Ich vertraue jemandem. Ich vertraue mich einer Geistkraft an, die ich spüre, die ich in mir spüre. Ich vertrauen einer Kraft, die mich umgibt wie ein Schutzwall. Ich vertraue Gott, der mir zwar viel zumutet, mich aber bis heute nicht hat fallen lassen und der das auch zukünftig nicht machen wird. Ich vertraue und das gibt mir Kraft und Lebensmut – oft auch so eine impulsive Freude, die mir Lebensfreude schenkt. Die ich dann gerne weiter verschenke und andere manchmal mitreißt.
Glaube hat für mich ganz wenig mit dem Fürwahrhalten von irgend-welchen Sätzen zu tun – auch wenn es da bestimmt im Glauben einige Basics gibt. Aber es gibt Sätze, die schenken mir kein Leben, die zwängen mich nur ein, die üben Zwang aus. Diese Sätze – auch wenn es vielleicht Glaubenssätze sind – die schiebe ich dann auf das Abstellgleis und ich sage ihnen: Wenn ihr Glück habt, hole ich euch da irgendwann ab, wenn ich besser mit euch klar komme.
Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, ist z.B. so ein Satz, der im Moment bei mir eingeparkt ist.
Wer glaubt, hat ewiges Leben. Da ist diese Verbindung von Vertrauen und Leben und zwar zeitlich uneingeschränktes Leben – ewig. Das ist irgendwie unvorstellbar.
Glauben und ewiges Leben liegen ganz nah beieinander. In meinem Kopf verschmelzen sie beide miteinander. Somit liegt ewiges Leben nicht erst in der Zukunft, sondern ist schon hier und jetzt. Ich bin mittendrin in diesem ewigen Leben.
Es gab Zeiten, da haben die Kirche und die anderen Herrschenden gesagt: Hier die Quälerei müsst ihr aushalten, und wenn ihr das schafft, dann winkt euch nach dem Tode das ewige Leben. Das haben die Herrschenden gesagt, um die Menschen leichter unter Kontrolle zu haben und ausbeuten zu können.
Ich spüre im Vertrauen auf Gott, dass das Leben jetzt beginnt, dass ich mich in Gottes Hände fallen lassen darf. Egal, was ich für Diagnosen gestellt bekomme, oder was mich körperlich beeinträchtigt. Leben ist mehr arbeiten und das Üble ertragen. Leben heißt Gottes Geist spüren, jetzt und hier. Das Leben im Geist Gottes kennt keine Grenzen und überwindet oder durchbricht Hindernisse.
Ewiges Leben ist jetzt und das stiftet Lebensfreude, die nicht abhängig ist von der Gesundheit. Das ist ein steiler Satz – weiß ich – aber ich sage ihn so, weil das so in meinem eigenen Leben verankert ist. Gott schenkt dem Leben, der sich vertrauensvoll an ihn wendet. Amen – so ist es.
Ich bin das Brot des Lebens.
Diese Formulierung zeigt mir an, wir kommen in die nächste Kurve. Stichwortassoziation ist ‚das Leben‘. Im ersten Moment scheinen wir abzudriften vom Thema – aber wir bleiben überraschend nah dran.
Brot – menschliches Grundnahrungsmittel. Der Geruch, den eine Bäckerei verströmt ist unwiderstehlich. Weckt Lebensgeister. Frischgebackenes Brot lässt man sich liebend gern auf der Zunge zergehen. Auch wenn wir bei uns so gut versorgt sind, das Brot manchmal nur Aufschnittträger ist, so ist uns doch klar, wie Brot uns ernährt.
Jesus lässt eine traditionelle biblische Geschichte anklingen, in der die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten nicht nur ein Hüngerchen hatten, wie wir manchmal, sondern wo sie in der Wüste vor dem nichts standen und richtigen Kohldampf hatten. Mit großer Gefahr zu verhungern. Und morgens standen sie auf und fanden etwas auf dem Boden und fragten: Man hu? Was ist das? Gott schenkte ihnen Brot vom Himmel – Manna. Vertrauen konnte wachsen, dass Gott sein Volk versorgt. Jeden Tag. Diese Versorgung hörte erst auf, als die Israeliten ins verheißene Land kamen.
Ich liebe es, Hefeteig von Hand zu kneten. Dieser Teig hat so etwas Lebendiges. Wenn er dann geht, noch mal geknetet wird und dann gebacken wird und hinterher so gut schmeckt, hat das für mich schon einen Hauch von Wunder der Natur. Gott schenkt uns leckere Sachen zum Leben.
Ich bin das Brot des Lebens.
Diese Formulierung überrascht mich. Hier muss ich die Türe für die Übertragung öffnen. Wenn ich mich vertrauensvoll für den Geist des Sprechenden – also Jesus – öffne, kann ich durchflutet werden von der Kraft, die mir beim Kauen und Einverleiben von Brot durch den Körper geht. Brot spendet mir Lebenskraft – Der Geist Jesu spendet mir Lebens-kraft, wenn ich ihn vertrauensvoll an mich heranlasse und ihn aufnehme.
Manches Wort von Jesus muss ich langsam zerkauen – gerne mit Genuss – ich schlucke es hinunter – und spüre, wie der Hunger nach Leben langsam weniger wird – erlebe, wie mich Wärme und Kraft durchflutet. Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. Was löst dieses Wort, aktuell in mir aus, wenn ich es langsam in meinem Kopf zerkaue und gleichzeitig die ganzen Ungerechtigkeiten in der Welt erlebe? Ich muss es lange kauen, bis es in mir Hoffnung weckt – aber sie kommt.
Oder ganz konkret: Beim Essen des Brotes beim Abendmahl, besonders in der Gemeinschaft, dann spüre ich manchmal – leider nicht immer – dass ich von seinem Geist durchflutet werde – und das tut gut.
Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er in Ewigkeit leben; und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, für das Leben der Welt.
Jetzt wird mir in dieser Kurve doch ein bisschen schwindelig. Das Brot ist mein Fleisch für das Leben der Welt. Ja vielleicht, so wird es meistens eingeordnet, wird hier von Johannes das Abendmahl aufgenommen und erklärt. Ja, hat hohe Wahrscheinlichkeit.
Bei so viel Drehungen wage ich es, noch eine Pirouette zu drehen. Jesus sagt ja zu Beginn ewiges Leben dem- und derjenigen zu, die ihm vertraut. Jetzt zielt er ab auf das Leben der Welt. Glauben, ewiges Leben, Brot, Fleisch und Leben der Welt erscheinen mir zunehmend stark miteinander verwoben zu sein. Johannes verflechtet es geradezu ineinander. Damit beeinflusst sich alles auch untereinander.
Wer glaubt spürt dieses ewige Leben in sich aufkeimen. Wird von Leben und Geist durchflutet. Wer das in sich spürt, nimmt die Worte Jesu und nimmt Brot auf und wird dadurch genährt. Körperlich und geistig. Wer so verändert in der Welt lebt, verändert auch die Welt. Trägt das ewige Leben in die Welt. Durchflutet die Welt mit dem Samen des ewigen Lebens.
Lasst uns offen bleiben für Jesu Worte, die Leben schenken.
Lasst uns dem Leben nachspüren, das uns geschenkt ist – für ewig.
Lasst uns beim Brot mehr schmecken als nur das Nahrungsmittel.
Lasst uns die Hoffnung für diese Welt nicht aufgeben, denn ihr ist das Leben verheißen.
Amen. So sei es.