Sie alle sind Familie
„Die liebe Familie“ ist das Schwerpunktthema des Gemeindemagazins November 2025 bis März 2026. Hier finden Sie einen Auszug daraus. Alle Beiträge können Sie hier nachlesen.
Das Familienbild hat sich auch in der Kirche gewandelt
von Veronika Kabis
Ich erinnere mich gerne an das Fest für Emil, das seine Familie im Anschluss an seine Taufe in einem sommerlich geschmückten Gartenlokal ausgerichtet hat. Da war viel Familie zusammengekommen: nicht nur seine zwei Mütter, sondern auch Emils biologischer Vater und dessen Lebenspartner, und viele Verwandte von allen Seiten. Es war ein fröhliches Familienfest, nur die Menge an Geschenken war vielleicht ein bisschen viel für ein einziges Kind. Deutlich kleiner, fast intim, war die Tauffeier für Sarah, deren Mutter mir erzählte, dass sie ihre Tochter bewusst alleine bekommen habe, durch eine anonyme Samenspende. Sarahs Familie, das sind neben der Mama vor allem die Oma, aber auch die Patin und der Pate, mit denen sie eng verbunden ist. Eine eingeschworene kleine Gemeinschaft, die einander versprochen hat, Sarah Sicherheit und Halt zu geben – wie es sich für eine Familie gehört.
Auch bei Hochzeiten und Trauerfeiern habe ich schon die vielfältigsten Familienkonstellationen erlebt. Ein Ehepaar, das ich getraut habe, als beide schon weit über siebzig und mehrfach geschieden oder verwitwet waren, hat vor allem Freundinnen und Freunde zur Hochzeit eingeladen. Der Freundeskreis war ihnen zur Familie geworden. Nicht ohne Grund hat es sich eingebürgert, dass nicht mehr nur von Angehörigen, sondern von An- und Zugehörigen gesprochen wird. Der Begriff „Zugehörige“ umfasst auch andere Beziehungen als Verwandtschaftsverhältnisse.
Familie ist überall da, wo Menschen langfristig Verantwortung füreinander übernehmen
Vater, Mutter, Kind(er). Das war lange Zeit das Verständnis von Familie, auch oder erst recht in den Kirchen. Das Bild von Familie in der Evangelischen Kirche hat sich jedoch inzwischen, Gott sei Dank, gewandelt hin zu einem inklusiven Verständnis, das unterschiedliche Lebensmodelle umfasst. In der Rheinischen Landeskirche werden etwa queere Lebensformen heute ohne Wenn und Aber anerkannt. Betont wird die Wichtigkeit von Liebe, Verlässlichkeit und Verantwortung in familiären Beziehungen, unabhängig von der spezifischen Form der Familie.
Das heißt: Eine alleinerziehende Frau mit ihren Kindern ist Familie. Ein schwules Paar ist Familie. Ein Mann, der seine kranke Tante pflegt und bei ihr lebt, bildet mit ihr eine Familie. Eine Gruppe Freunde, die seit Jahren verlässlich füreinander da sind und Verantwortung füreinander übernehmen – auch das ist eine Art Familie. Aber ist die Ehe nicht ein Gebot Gottes? Nein. Nirgendwo in der Bibel heißt es, Männer und Frauen müssten heiraten. Der Apostel Paulus etwa im Neuen Testament war unverheiratet und findet sogar, es wäre besser, wenn alle Christen so leben würden. Jesus hatte eine sehr weite Vorstellung von Familie. Er sagte: „Wer Gottes Willen tut, ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (Markus 4,35)
Die Ehe ist eine gute Sache – eine Einrichtung, die vielen Menschen viel bedeutet. Es ist das Versprechen, füreinander da zu sein und auch schwierige Zeiten gemeinsam durchzustehen. Aber die Ehe zwischen Mann und Frau ist nicht mehr das einzige Bild einer guten Familie. Viele andere Bilder gab es schon immer, neue sind dazu gekommen. Sie helfen, eine diverser gewordene Realität wahrzunehmen. Diese Vielfalt ist eine Bereicherung.
Sich zur Vielfalt bekennen
Mir macht es Sorgen, dass die weltweit erstarkenden rechten Bewegungen gegen alle Familienkonstellationen, die ihnen nicht „normal“ erscheinen, hetzen. Leider mischen in diesen Bewegungen auch christliche Kreise ganz vorne mit. Sie versuchen mehr und mehr Einfluss zu gewinnen, nicht nur in den USA. Man darf sich nichts vormachen: Es geht ihnen nicht um ein bisschen Familiennostalgie. Sie versuchen, Frauen zurückzudrängen an den Herd, sie machen queere Familien verächtlich oder bedrohen sie sogar. Ihr konservatives Familienbild ist meist gepaart mit einem rassistischen Menschenbild. Es ist also nicht nur eine Frage der persönlichen Vorliebe, wie ich Familie definiere. Es ist wichtig geworden, sich öffentlich zur Vielfalt zu bekennen und sie zu beschützen. Alle diese Familien stehen schließlich unter Gottes Segen.