Dürre Zeiten
Predigt über Jeremia 14, 1-9 (Die große Dürre)
von Veronika Kabis, 18.1.2026
Von Spiritualität in Zeiten äußerer Bedrängnis und innerer Not
„Ich wünsche euch frohe und gesegnete Weihnachten“, hat eine Bekannte an Heiligabend auf Facebook gepostet. Darunter haben sich einige Herzchen von Facebook-Freunden angesammelt – und dann dieser trockene Kommentar: „Religion hat nichts Gutes in die Welt gebracht.“
Eine seltsame Art, gute Wünsche zurückzuweisen. Da wünschst du deinen Freunden „frohe Weihnachten“ und einer bedankt sich mit: „Religion hat nichts Gutes in die Welt gebracht.“ Zufällig kenne ich denjenigen, der den Kommentar geschrieben hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er und seine Familie durchaus Weihnachten feiern, und eine Tanne mit Lichterketten habe ich auch schon in seinem Garten gesehen. Klar, natürlich feiern sie so ein Weihnachten ohne erkennbaren Inhalt, wie viele Menschen heute. Ist okay. Aber er könnte sich ja auf den Standpunkt stellen: Leben und leben lassen. Ich lasse dir deinen Unglauben und du mir meinen Glauben. Aber nein, es war ihm offenbar wichtig, seine Überzeugung pünktlich zu Weihnachten mitzuteilen: „Religion hat nichts Gutes in die Welt gebracht.“
Nun ist es ja nicht so, als wäre da gar nichts dran. Ich ärgere mich selbst, wenn ich sehe, was fanatische und rückwärtsgewandte Gläubige, egal welcher Religion, in der Welt anrichten. Gerade ist wieder eine erschreckende Dokumentation unter dem Titel „Kreuzzeug von rechts“ in der ARD-Mediathek zu sehen. Von Trump bis zur AfD – rechte Politiker instrumentalisieren das Christentum. Für den Islam und andere Religionen gilt dasselbe. Alle Religionen spielen Extremisten in die Hände. So gesehen muss ich dem Facebook-Kommentator Recht geben: Ohne Religion würde autoritären, rechtsextremistischen und auf andere Weise fanatisierten Menschen eine überaus wirksame Plattform fehlen, um ihren Hass und ihre Intoleranz in die Welt zu posaunen. Religion kommt solchen Menschen zu Pass, weil sich engstirnige Gläubige im Besitz der einzigen Wahrheit wähnen. Diese Wahrheit dient dann als Legitimation dafür, andere Menschen abzuwerten und sich über sie zu stellen, mit der Bibel, dem Koran oder einer sonstigen Heiligen Schrift in der Hand. Diese Engführung aber muss nicht in der Religion begründet sein, sondern sie hat vor allem mit ihrer Auslegung und den Menschen zu tun, die sie ausüben.
Was würde fehlen ohne Religion?
Wäre die Menschheit ohne Religion tatsächlich besser dran? Ich vermute, diejenigen, die ihre Menschenfeindlichkeit unter dem Deckmantel der Religion zelebrieren, würden andere Wege, Ausdrucksformen und Verbündete finden, um dasselbe zu tun. Sie brauchen nicht unbedingt Religion dafür. Religionskriege und religiöse Verfolgung haben oft sehr viel mehr mit dem Kampf um Macht, Geld oder Rohstoffe zu tun als mit tatsächlichen Glaubensfragen.
Ich möchte die Frage anders stellen. Was wird eigentlich fehlen, wenn Religiosität in großem Stil verlorengeht – so ist es ja zumindest in unseren Breitengraden? Stellen wir uns vor, es werden nicht nur Kirchen geschlossen oder sogar abgerissen, sondern es interessiert sich einfach niemand mehr für Kirche und Religion. Ich rede nicht vom Abbau kirchlicher, diakonischer oder karitativer Strukturen. Das ist ein ganz eigenes Kapitel. Sondern auf der individuellen Ebene. Ich will es mal ganz naiv ausdrücken: Was passiert mit der Stelle im Menschen, an der früher bei vielen der Glaube saß? Bleibt da einfach eine Leerstelle? Oder wächst sie zu? Oder kommt da was Neues?
Wovon ich sprechen möchte, hat weniger mit Theologie zu tun als mit persönlichen Glaubenswegen. Auch meinem eigenen. Auf diesem Weg habe ich die Erfahrung erfüllender Glaubensgewissheit, von Resonanz mit dem Göttlichen gemacht – genauso wie von kräftezehrenden Dürrezeiten: Zeiten von Sinn- und Lebenskrisen, Zeiten der religiösen Suche und der Verlorenheit. Ich persönlich habe das Abgeschnittensein von Religion, von Gott als schmerzhaft erlebt. Da war eine Leerstelle in mir, die eben nicht zugewachsen ist, sondern die sich wie eine offene Wunde angefühlt hat. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass ich in einer religiös geprägten Familie aufgewachsen bin und zusammen mit meinem Glauben als junger Mensch auch anderes verloren habe. Schöne Erinnerungen an religiöse Praktiken in Familie und Kirche haben nachträglich einen bitteren Beigeschmack bekommen. Die Sicherheit, mit der ich mich in der Welt bewegt habe in dem Gefühl, ein treusorgender Gott ist an meiner Seite, ist einem Gefühl der Verunsicherung gewichen. Geblieben ist damals eine Art Phantomschmerz. Menschen, die von klein auf keinen Bezug zu Religion haben, können diesen Schmerz vermutlich nicht nachempfinden. Aber heißt das, dass ihnen nichts fehlt? Ich komme später darauf zurück.
Die Städte verschmachten
Zunächst möchte ich mich dem Predigttext zuwenden. Von einer großen Dürre berichtet der Prophet Jeremia: „Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst.“
Das Bild der Dürre kann, wie so viele Bilder der Bibel, auf verschiedenen Ebenen gelesen werden. Wir hören von der Verzweiflung über Hitze und Trockenheit und assoziieren die Klimakatastrophe unserer Tage. Zu Recht. Es gäbe viel zu sagen über menschliche Schuld an der Krise, über Klage und Trauer und unsere Angst vor der Zukunft. Ich möchte mich aber auf die andere Ebene beziehen: Das Bild der Dürre als Spiegelbild der spirituellen Leere. Die Brunnen und Gefäße sind leer, und die Klagen sind groß, heißt es im Bibeltext. Es sind falsche Propheten unterwegs, die Heil in anderen Dingen und falsche Sicherheiten versprechen. Und was macht Gott? Er stellt sich taub.
Die gesellschaftliche Situation, die der Prophet Jeremia zu seiner Zeit vorgefunden hat, scheint der heutigen durchaus ähnlich zu sein. Die Zeiten sind schlecht, und es sind keine Brunnen mehr da, aus denen man Hoffnung und neue Energie schöpfen kann. Die Menschen sind abgeschnitten von ihren religiösen Wurzeln, und andere Fundamente tragen nicht. Ideologische Rattenfänger sind unterwegs und nutzen die Angst und Trostlosigkeit der Menschen aus, um sie auf falsche, gefährliche Wege zu führen. „Die Propheten weissagen Lüge in meinem Namen“, heißt es einige Zeilen später bei Jeremia. „Ich habe sie nicht gesandt und ihnen nichts befohlen und nicht zu ihnen geredet. Sie predigen euch falsche Offenbarungen, nichtige Wahrsagung und ihres Herzens Trug.“
Glaubensverlust
„Glaubensverlust“. So heißt ein Buch des Theologen Hubertus Halbfas. Er beschreibt darin, was der Rückgang von Religion individuell und gesellschaftlich bedeutet. Er macht die Kirchen dafür verantwortlich, auch heute noch überholte mythische und magische Vorstellungen von Gott, von der Vorsehung und einem vermeintlichen Eingreifen Gottes in der Welt zu verbreiten, die vernunftbegabte Menschen nicht mehr glauben können. Für ihn steht das Wort Gott vielmehr für eine bestimmte Art, die Welt zu verstehen. Alles Reden von Gott, so schreibt er, deutet menschliches Leben. Religion ist der Versuch, sich als Mensch zu verstehen und sich vor dem Absoluten selbst zu bestimmen, und Theologie ist eine mögliche Form des Fragens des Menschen nach sich selbst und seiner Versuche, mit der letztlich unbegreiflichen Welt und den Rätseln des Menschseins fertig zu werden.
Ich kann da gut mitgehen. Religion hilft mir, das Leben zu meistern. Sie ist nicht Magie, sondern eine Form der Lebenskunst, die mich dabei unterstützt, im wahrsten Sinne des Wortes zu mir zu kommen, das Leben besser zu verstehen und das Miteinander auf lebensfördernde Weise zu gestalten – so gut ich es eben schaffe. Das alte Wort „Weisheit“ kommt hier zum Tragen: im Glauben weiser werden, mehr innere Ruhe entwickeln, die Dinge von allen Seiten betrachten, Entscheidungen auf einer guten Wertegrundlage treffen, Gemeinschaft im Glauben pflegen. Nicht jeder gläubige Mensch ist ein guter Mensch, aber der Glaube ist eine wichtige Quelle von Menschlichkeit.
Nun aber leben wir in einer Zeit der spirituellen Dürre. Einer Zeit, in der viele Menschen ganz im Gegenteil unruhig, nervös, gewaltbereit, selbstbezogen und isoliert sind. Wo sind die Brunnen, in denen sie ihre offenkundig leeren Gefäße füllen können? Denn wenn wir Glaubensverlust beklagen, dann beklagen wir am Ende nicht nur das Abgeschnittensein von Gott, sondern auch einen Verlust an Menschlichkeit.
Spirituelle Intelligenz
Ich glaube, wir müssen in vielfacher Hinsicht umdenken. Wir müssen ganzheitlich vorgehen, wenn wir Antworten auf die Rätsel des Lebens suchen. Verstand, Gefühle, Körper – sie sind nicht zu trennen von einer weiteren, vierten Dimension, der Spiritualität. Manche nennen sie spirituelle Intelligenz. Diese spirituelle Intelligenz bezeichnet die Fähigkeit einer Person, sich mit spirituellen oder transzendenten Aspekten des Lebens auseinanderzusetzen und nach tieferer Bedeutung zu suchen. Jeder Mensch besitzt diese Fähigkeit. Sie ist nur nicht bei jedem Menschen gleich stark ausgeprägt. Wer nie mit Religion in Berührung gekommen ist, kann im Glauben nicht gut andocken. Es fehlt ihm gewissermaßen das Notensystem, um auf dieser Klaviatur zu spielen. Aber das spirituelle Potenzial ist vorhanden. Es ist gewissermaßen die Eingangstür zur inneren Weisheit, die jeder in sich entdecken und entfalten kann. Ich will damit nicht sagen, dass jeder Mensch in Wirklichkeit religiös ist, ohne es zu wissen. Das würde ich übergriffig finden. Aber so wie wir denken und fühlen können, so haben wir grundsätzlich die Fähigkeit, uns auf Transzendenz einzulassen.
Damit bin ich wieder bei den dürren Zeiten. Ich denke, es ist wichtig, gemeinsam neue Quellen der Transzendenz zu erschließen. Das wird nicht mit den alten Methoden gehen, nicht mit der Verkündigung allein selig machender Wahrheiten, nicht mit Zwang und Rechthaberei. Sondern indem wir beispielsweise hier in der Kirche Angebote schaffen, die Menschen in aller Freiheit an Quellen führen, die sie staunen lassen und die sie berühren, die sie annehmen können, ohne ein ganzes Glaubensgerüst mitkaufen zu müssen. Das kann im Gespräch, in der Meditation, in der Musik, im Gottesdienst, in allen möglichen Formen der Begegnung geschehen. Alles, was den verschütteten Brunnen zur inneren Weisheit freilegen kann, sollte erlaubt sein. Alles, was die spirituelle Intelligenz anregt und den trockenen, rissigen Boden wieder zum Blühen bringt, hilft. Wir brauchen neue Angebote, die den ganzen Menschen als dem Grunde nach spirituellem Wesen ansprechen. Angebote, die nicht darauf abzielen, ihn von irgendetwas zu überzeugen, sondern ihm in aller Freiheit und mit dem freiwilligen Angebot von Gemeinschaft bei der Meisterung des Lebens helfen. Menschen müssen in die Lage versetzt werden, sich Glauben, Spiritualität, Religion, Gott – wie auch immer man es nennen will – „anzuverwandeln“. Dieses wunderschöne Wort „Anverwandlung“ hat der (ganz weltliche) Soziologe Hartmut Rosa geprägt. Er meint damit „eine tiefe, wechselseitige Beziehung zur Welt, die über einfache Aneignung oder Kontrolle hinausgeht und eine resonante Weltbeziehung beschreibt, bei der Subjekt und Welt sich gegenseitig berühren, verändern und zu einer Form des ‚Mitschwingens‘ finden, im Gegensatz zur oft entfremdenden Beschleunigung der Moderne. Es ist ein Prozess, in dem man sich von Dingen, Musik, Natur oder Menschen inspirieren lässt und eine authentische Verbindung eingeht, was zu einem gelingenden Leben beiträgt“. Ich würde noch einen Schritt weitergehen und sagen, es geht nicht nur um eine resonante Weltbeziehung, sondern auch um eine resonante Gottesbeziehung. Alles, was hilft, in solche weltlichen und religiösen Resonanzbeziehungen zurückzufinden, hilft zugleich gegen die Dürre in unseren Seelen. Menschen, die ihren Sinn für Spiritualität hegen und pflegen, entwickeln – davon bin ich überzeugt – eine größere Kreativität im Umgang mit Krisen. Sie verschaffen sich selbst mehr Spielraum, um mit den Widrigkeiten des Lebens und der Welt umzugehen, als durch und durch rationale Menschen.
Neue Brunnen anlegen
„Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, nach dir“: So heißt es in der Bibel. Menschen bedürfen seelischer Nahrung, sie suchen nach Antworten und brauchen Quellen der Hoffnung. Wenn die alten Brunnen vertrocknet sind, müssen die Quellen wieder freigelegt und neue Brunnen angelegt werden. Die Fähigkeit, diese Quellen zu finden, ist – davon bin ich überzeugt – in jedem Menschen vorhanden. Als Kirche und als Gemeinde haben wir die Chance, Menschen auf der Suche nach diesen Quellen zu begleiten. Wir sollten diesen Weg gemeinsam gehen, gewissermaßen mit der Wünschelrute in der Hand: nicht mit unverrückbaren Vorstellungen davon, wo diese Quellen liegen, sondern mit der Offenheit und Bereitschaft, uns überraschen zu lassen und zu staunen darüber, wo die Wünschelrute am Ende ausschlagen wird.
„Religion hat nichts Gutes in die Welt gebracht.“ Mag sein, dass vieles schiefgelaufen ist in Sachen Religion. Aber wir sollten nicht nachlassen, im Glauben nach dem Kern zu suchen, der uns klüger, weiser und menschlicher macht. Und mit unserer spirituellen Intelligenz die Quellen zu erschließen, die uns äußere Bedrängnis und innere Not überleben lassen. Wenn wir uns auf diese Weise rüsten, können wir die Zeiten der Dürre – so hoffe ich – besser überstehen.
Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.