Vom Nikolaus lernen

Veronika Kabis fragte beim Gottesdienst in Schafbrücke am Zweiten Advent 2025, was man vom Nikolaus, genauer gesagt vom Bischof von Myra, lernen kann. Mit diesem Gottesdienst öffnete sich außerdem das siebte Türchen des Adventskalenders „Sweet & Fair“ der Fairtrade Initiative Saarbrücken. Den Text kann man hier nachlesen.

Werte von gestern?

Lasst uns über Werte sprechen. Solche Werte, die als Basis für Vertrauen und ein funktionierendes Miteinander dienen, auch wenn sie heute manchmal „oldschool“ klingen: Respekt und Verlässlichkeit etwa, oder Höflichkeit, Fleiß, Pflichtbewusstsein und Bescheidenheit. „Anstand“ ist auch so ein schönes, altmodisches Wort. Vor einigen Jahren hätte ich vermutlich gesagt: Das ist doch nur was für Moralapostel. Schnee von gestern. Aber die Zeiten ändern sich. Mir scheint, wir sind nicht wirklich weit gekommen, indem wir Individualismus, Spontaneität und materieller Selbstverwirklichung den Vorrang vor Werten eingeräumt haben, die den sozialen Zusammenhalt fördern.

Welche Werte mag der Nikolaus – ich meine den echten, den Bischof von Myra aus dem 4. Jahrhundert – vertreten haben? Ich komme darauf zurück. Zunächst schaue ich auf den Predigttext von heute. Mit diesem Text geht es mir fast so wie mit den Werten von gestern: Noch vor einiger Zeit hätte ich gedacht, dieser Text geht mich nichts an. Heute rückt er mir nahe – gefährlich nahe:

„Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein (…) und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde.“

Die Zeiten sind vorbei, in denen wir dachten, die Gefahren, von denen die Tagesschau erzählt, gehen uns nichts an. Wir sind nur Zuschauer aus der Ferne. In Deutschland zu leben, war im Großen und Ganzen bequem. Und heute: Krise, wohin man schaut. Und Überforderung. Eine verbreitete Reaktion darauf ist, dass Menschen sich zurückziehen. „Cocooning“ nennt man das, sich in einen Kokon einspinnen. Manche sagen auch, dass wir ein neues Biedermeier erleben. Wir machen es uns in den eigenen vier Wänden gemütlich (oder auf Neudeutsch bzw. Dänisch: „hygge“) und hoffen, dass das Unwetter an uns vorbeizieht.

Wir Krisenakrobaten

Mir ist neulich ein Buch untergekommen, das einen erfrischend positiven Umgang mit dem Thema Krise aufzeigt. Es heißt „Wir Krisenakrobaten“. Geschrieben hat es der Psychologe Stephan Grünewald. Auch er beschreibt zunächst diese Schneckenhaus-Mentalität.

Ich lese mal ein paar Zeilen vor: „Viele Menschen reagieren auf die globalen und nationalen Krisen mit einem Rückzug in ihr privates Schneckenhaus. Das Auenland ist zu einer privaten Wohlfühloase geschrumpft, zu einer kleinen Eigenwelt, die man noch im Griff zu haben glaubt. Aber auch dieser Rückzugsort erscheint bedroht (…). Noch funktioniert das Alltagsleben trotz aller erfahrenen Einschränkungen, aber viele Menschen haben den Glauben an eine bessere Zukunft verloren. Die von der Politik ausgerufene Zeitenwende hat in den Köpfen der Menschen noch nicht stattgefunden. Psychologisch betrachtet haben sich die Menschen in einer Art Nachspielzeit eingerichtet. Sie spielen auf Halten und hoffen, die gewohnten Zustände noch einige Monate oder vielleicht sogar Jahre stabilisieren zu können.“

Interessanterweise hat Stephan Grünewald mit seinem Institut in repräsentativen Umfragen herausgearbeitet, dass die Mehrzahl der Menschen in Deutschland zwar pessimistisch in die gesellschaftliche Zukunft schaut, aber in ihrem Privatleben eher zuversichtlich bleibt. Er schreibt: „Menschen gewinnen ihre Zuversicht in der Nachspielzeit durch die Pflege ihrer privaten Wohlfühloasen, durch die Steigerung ihrer Selbstwirksamkeit und die Festigung ihrer Freundeskreise.“ Das ist psychologisch erklärbar: Sie blenden das krisenhafte Geschehen um sie herum einfach aus.

Mir kommt das übrigens vertraut vor. Ich gehöre auch zu denen, die die Mediatheken nach unterhaltsamen Serien durchforstet, anstatt die soundsovielste Doku über eine bedrohte Tierart oder einen der vielen Kriege auf der Welt anzuschauen. Das ist auch erstmal nicht so schlimm, schreibt Grünewald. Wir schaffen uns im Privaten unsere Kraftquellen, und davon können wir gar nicht genug brauchen. Dieses Verhalten hat allerdings eine Kehrseite: Die Kraftquellen, die unseren Radius auf ein Minimum verkleinern, verstärken unsere Selbstbezogenheit und lösen die soziale Verbundenheit auf. Die Gesellschaft zerbröselt in kleinste Teile, der Zusammenhalt geht immer weiter verloren.

Erlösungsphantasien

Der Epochenwandel zwingt uns zum Sprung ins Ungewisse. Das macht Angst und fördert die Sehnsucht nach Erlösung. Genau damit, mit Erlösung, locken autoritäre Führerpersönlichkeiten; genau das, Erlösung, versprechen neue Technologien wie die Künstliche Intelligenz. Von beidem erhoffen sich Menschen, dass sie alle drängenden Daseinsprobleme für sie lösen. Sie geben die Problemlösung ab und vertrauen auf die Heilsversprechen, die ihnen angeboten werden.

Ich verstehe diesen Wunsch nach Erlösung. Als Christinnen und Christen sprechen wir ja schließlich auch von der Hoffnung auf Erlösung. Im Predigttext für heute finden wir dafür große Worte und noch größere Bilder: „Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Erlösung durch rechte Regime, Erlösung durch KI, Erlösung durch Jesus: Im Grunde alles dasselbe? Nein, eben nicht. Die Erlösung, die die autoritären Menschen, Systeme und Technologien versprechen, beraubt Menschen auf perfide Weise ihrer Freiheit. Sie führt zu Entmündigung, Versklavung und Ungleichbehandlung. Was für eine Erlösung soll das bitte schön sein? Jesus geht es um etwas anderes: Er will, dass Schluss ist mit Verhaltensmustern, die Menschen nur zu gut kennen: Rache, Siegen-Müssen, Machtdemonstration, Wegschauen, Selbstzerstörung und Selbstverurteilung. Er lebt vor, wie ein Leben in Einheit mit uns selbst und mit Gott aussehen kann. Die Erlösung, von der unser Glaube spricht, bedeutet: Negative Muster und Prägungen, die wir Menschen mit uns herumschleppen, lösen sich nach und nach auf.

Erlösung ereignet sich, wenn ich konkrete Schritte gehe, die mich zu Gott zurückführen. Beispiele dafür hat Jesus durch sein Vorbild, durch Gleichnisse und Taten genug geliefert. Er hat Menschen gerettet, indem er auf Ausgegrenzte zugegangen ist und auf Menschen, die Schuld auf sich geladen haben. Er hat ihnen die Vergebung Gottes zugesprochen. Er hat diejenigen getröstet, die traurig waren. Nicht indem wir nur fromm beten, sondern indem wir im Sinne von Jesus handeln, begeben wir uns auf die Spur der Erlösung.

Kirchen und Krisenakrobatik

Die vollmundigen Erlösungsversprechen der Autokraten weltweit haben fast eine religiöse, spirituelle Dimension. Das ist ein bisschen verrückt – denn gleichzeitig sagen immer mehr Menschen, Gott sei ihnen egal. Im selben Atemzug schaffen sie sich eine Fülle von Ersatzgöttern und Ersatzreligionen mit eigenen Erlösungs- und Heilserwartungen. Und nun? Was tun? Sich ins private Schneckenhaus zurückziehen und untergehen? Das kann doch nicht die Lösung sein – schon gar nicht für Christinnen und Christen. Die Vereinzelung, die Vereinsamung, die Auflösung des sozialen Zusammenhalts ruft nach einem Ausweg – und der heißt: Wir müssen unsere Verbundenheit neu entdecken. Wir müssen wieder raus aus den Bubbles und aus der Komfortzone. Wir müssen die Reihen und die Einfallstore gegen den Hass und die Gleichgültigkeit wieder schließen. Jede und jeder Einzelne muss im Kleinen wieder Verantwortung übernehmen für das große Ganze. Wir müssen uns zurückbesinnen auf die Werte, die für den Kitt der Gesellschaft unerlässlich sind.

Die Kirchen könnten bei der Wiederentdeckung der brachliegenden Verbundenheit eine wichtige Rolle spielen. Vorausgesetzt, sie schaffen es, neue Formen zu finden, bei denen die Menschen das Gefühl haben, beteiligt zu sein. Im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen wir das ja hier am Lorenzberg: indem alle, die Lust haben, mitmachen können bei Gottesdiensten und Veranstaltungen. Indem wir andauernd etwas Neues ausprobieren: vielfältige Musik, Film und Audio im Gottesdienst, Konzerte und Veranstaltungen, eine moderne Jugendarbeit und im neuen Jahr wahrscheinlich auch eine Vortrags- und Gesprächsreihe über die Kirche der Zukunft. Wir versuchen hier am Lorenzberg unsere Werte zu verteidigen mit dem Ziel, in aller Freiheit ein Gefühl der Verbundenheit entstehen zu lassen.

Nikolaus von Myra

Ich komme zurück zu Nikolaus. Dieser Kirchenmann hat auch in einer schwierigen Zeit gelebt, und zwar in Myra. Das liegt in der heutigen Türkei, etwa 100 Kilometer von Antalya entfernt. Während der Christenverfolgung im Jahre 310 wurde er gefangen genommen und gefoltert. Sein Vermögen verteilte er unter den Notleidenden. Er soll viel Gutes getan haben und ein freundlicher Mann gewesen sein.

Nikolaus werden auch Wunder nachgesagt. Eines davon wird das Kornwunder genannt. Das geht so: Nikolaus erfuhr während einer großen Hungersnot, dass ein Schiff im Hafen vor Anker lag, das Getreide für den Kaiser in Byzanz geladen hatte. Er bat die Seeleute, einen Teil des Kornes auszuladen, um in der Not zu helfen. Sie zögerten aber, da das Korn genau abgewogen beim Kaiser abgeliefert werden musste. Erst als Nikolaus ihnen versprach, dass sie für ihr Entgegenkommen keinen Schaden nehmen würden, stimmten sie zu. Als sie in der Hauptstadt ankamen, stellten sie verwundert fest, dass sich das Gewicht der Ladung trotz der entnommenen Menge nicht verändert hatte. Das in Myra entnommene Korn aber reichte volle zwei Jahre und darüber hinaus noch für die Aussaat.

Was können wir von Nikolaus lernen? Gewiss, Legenden bleiben Legenden. Aber einen wahren Kern werden die Geschichten vom Nikolaus haben. Und daraus lernen wir, dass auch ein Einzelner etwas tun kann, selbst in scheinbar aussichtsloser Lage. Dass es sich lohnt, die Hoffnung nicht aufzugeben, Verantwortung zu übernehmen und Vertrauen zu haben. Dass Werte wie Mut, der Einsatz für Gerechtigkeit und Großzügigkeit ansteckend sein können. Und genau darum geht es doch: ein neues Gefühl der Verbundenheit entstehen zu lassen, das sich nicht aus geteiltem Hass und Frust nährt, sondern aus der Freude an sinnhaftem, gemeinschaftlichem Tun.

Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren. Dafür brauchen wir den Advent, alle Jahre wieder. Wir haben es nötiger denn je, uns darauf zurückzubesinnen, dass ein Anfang immer wieder möglich ist, gegen alle Wahrscheinlichkeit. Dass Rettung und Erlösung im Kleinen nahen, nicht im Pompösen. Im Advent und in Weihnachten liegt alles bereit: das Herzerwärmende, Beseligende genauso wie die Saat für das Umstürzlerische. Hier liegen auch die Aufgabe und die Chance von Kirche: Sie ermöglicht beide Erfahrungen – sie ist Wohlfühloase, in der man Kraft für die Seele tanken kann, und sie ist ein Ort des Engagements für gerechte Anliegen, und damit ist sie auch ein Ort, an dem man soziale Verbundenheit und Selbstwirksamkeit erfahren kann.

Ein gutes Beispiel dafür ist der faire Handel, der von kirchlichen Initiativen aktiv unterstützt wird – etwa vom Weltladen in Saarbrücken. Die Schokoladennikoläuse, die hier schon für Sie bereitstehen, sind aus Kakaobohnen aus fairem Anbau. Die fair gehandelten Waren kosten mehr als andere – aber in sie zu investieren, appelliert an unsere Werte wie Gerechtigkeit, Verantwortung und Großzügigkeit. Ein Pfund teuren, aber fair gehandelten Kaffee zu kaufen, ist vielleicht ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber vielleicht auch der Beginn von etwas Neuem, Größerem.

Es geht darum hinzusehen statt wegzuschauen. So heißt es auch im Predigttext, wo Jesus mit den Worten zitiert wird: „Seht auf und erhebt eure Häupter.“ Den Kopf in den Sand stecken, ist keine Lösung. Im Gegenteil: Es ist an der Zeit, etwas zu tun statt über die schlechten Zeiten zu jammern. Wir werden vermutlich kein Kornwunder vollbringen wie der legendäre Bischof von Myra. Aber wir können in unserem Alltagshandeln seine Werte teilen: Freundlichkeit, Verantwortung, Großzügigkeit. Diese Werte stehen nämlich jedem.

Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.