All you need is love
Im Gottesdienst am Sonntag, 30. November, in Schafbrücke stand der Advent als Weg zum Fest der Liebe im Mittelpunkt. Ansporn zur Liebe gab der Predigttext von Paulus. Die Predigt von Pfarrer i.R. Stephan Hüls kann man hier nachlesen.
Predigt über Römer 13, 8-11
Es fing alles an mit einer fröhlichen Nachfrage von musikalischer Seite, ob man zum Ersten Advent Liebeslieder vortragen könne und dürfe. Natürlich geht das, es ist schließlich das sogenannte Fest der Liebe, auf das wir uns in der Adventszeit vorbereiten.
Dann kam der Blick in den vorgeschlagenen Predigttext des liturgischen Kalenders: Römer 13, 8-11. Ich las: Bleibt niemandem etwas schuldig, außer einander zu lieben. Durch die Liebe wird das Gesetz erfüllt. Damit war klar, am Thema Liebe gibt es für diesen Gottesdienst kein Vorbeikommen.
Geliebt werden ohne Vorleistungen
Dieser Abschnitt über die Liebe ist von Paulus im Römerbrief eingewoben in ein gedankliches Geflecht vieler anderer Gedanken. Und es ist gut dieses Geflecht zu durchdringen, um Paulus zu verstehen. Genauso wie es gut ist, dass Eheleute das menschliche Geflecht im eigenen Umfeld erkennen, wenn sie ihre eigene Liebesbeziehung auf Dauer positiv gestalten wollen. Vorlaufend hat Paulus in seinem Brief klar gemacht, dass wir von Gott geliebt werden ohne Vorleistungen von unserer Seite. Nicht die Erfüllung von Vorschriften oder Geboten bringen uns Gott näher, sondern nur Gottes Schritt auf uns zu gründet eine Beziehung zwischen Gott und mir. Und Gott hat diesen Schritt auf uns zu gemacht. Direkt vorlaufend vor unserem Text steht ein Abschnitt, der behauptet, dass staatliche Herrschaft von Gott eingesetzt ist. Wenn wir konfliktfrei in diesem Staat leben wollen, reicht es gemäß Paulus, Gutes zu tun – das wird vom Staat positiv belohnt. Weil der Staat in göttlichem Auftrag handelt, muss er natürlich Fehlverhalten bestrafen. Zu Recht – so der Gedanke von Paulus.
Von Gott gewollt?
An diesem Abschnitt haben sich Generationen von Theologen abgearbeitet. Und bei der aktuellen politischen Situation, wo Herrscher andere Länder und Völker mit Krieg und Vernichtung überziehen, bleibt es mir im Hals stecken, wenn ich sagen müsste, dass dies von Gott gewollt und diese Regierungen von ihm eingesetzt sein sollen.
Bei Staaten, die ausschließlich den reinen Zugewinn von Macht und Wirtschaftsgütern im Blick haben, habe ich Bedenken, diese als von Gott gegeben einzuschätzen. Diese dann durch Gutes tun in ihrem Machthandeln zu stützen und zu fördern halte ich für bedenklich.
Nach dieser grundsätzlichen Verhaltensanweisung – nämlich Gutes zu tun im Staate – kommt dann die Formulierung, dass mit dem Verhalten der Liebe alle Gebote und Gesetze erfüllt werden können. Im zwischenmenschlichen Bereich Liebe zu tätigen, ist gut und sinnvoll und liegt sicherlich im Duktus der den Menschen betreffenden Gebote. Aber genauso wie im staatlichen Sektor muss ich auch hier meine Augen offenhalten und überlegen, wie die Liebe konkrete Gestalt annehmen kann und muss. Und in welches Geflecht sie eingebunden ist.
Liebe setzt Grenzen
In der Erziehung ist den meisten Eltern klar, dass es nicht sinnvoll und liebevoll ist, Kindern alle Wünsche zu erfüllen. Das Kind, das im Laden durch lautes Schreien und Sich-auf-den-Boden-werfen klar macht, dass es Süßigkeiten will, muss Grenzen gesetzt bekommen. Grenzen setzen in der Erziehung ist auf den ersten Blick nicht als liebevolles Handeln erkennbar. Es macht manchmal eher einen kämpferischen Eindruck. Aber Grenzen sind unverzichtbar, wenn sich Kinder auf Dauer gut entwickeln sollen. Liebe zeigt sich hier, wenn Eltern standhaft bleiben – auch wenn dabei Tränen fließen und man im Geschäft vielleicht vernichtende Blick von anderen Kunden empfängt.
Im schulischen Alltag ist es im Klassenzimmer sehr wichtig, Regeln zu setzen und Grenzen zu ziehen. Dies muss von Lehrern natürlich erklärt und begründet werden. Wenn Schüler Entscheidungen hinterfragen, muss das vom Lehrenden ausgehalten werden. Und Regeln dürfen auch nicht völlig starr umgesetzt werden. Liebevolles Verhalten ist auch hier oftmals mit einem heftigen Ringen verbunden – und innere Blessuren bleiben dabei nicht aus. Auf allen Seiten. Jetzt aber zunächst einen Blick in unseren Text Römer 13, 8ff:
Die Erfüllung des Gesetzes
Bleibt niemandem etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt. Denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. Das Gebot nämlich: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren, und was es sonst noch an Geboten gibt, wird in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe fügt dem Nächsten nichts Böses zu. Des Gesetzes Erfüllung also ist die Liebe. Und dies tut im Wissen, dass die Stunde geschlagen hat: Es ist Zeit, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn jetzt ist unsere Rettung näher als zu der Zeit, da wir zum Glauben kamen.
Für gläubige Menschen taucht immer die Frage auf, wie verhalte ich mich, wenn ich von der Existenz eines Gottes oder einer höheren Macht überzeugt bin. Diese Gruppe von Menschen ist sehr groß. Christen, Juden, Muslime gehen von einem Gott aus.
Paulus nennt einige der zehn Gebote der sogenannten 2. Tafel – also die den zwischenmenschlichen Bereich betreffen und sagt, dass die mit Verhalten der Liebe erfüllt werden können. Das ist natürlich richtig. Wer einen Menschen liebt, bringt ihn nicht um. Wer seinen Partner, seine Partnerin liebt, bleibt ihr treu. Oder aus der anderen Perspektive formuliert: Wer seinen Nachbarn oder Kollegen liebt, spannt ihm nicht die Frau aus. Wer seinen Nächsten liebt, versucht nicht an dessen Eigentum zu kommen, nur weil das gut ins eigene Sortiment passen würde.
Der Teufel steckt im Detail
Also bei dieser Betrachtung ist das völlig klar und man könnte das mit dem Satz, der auf Augustin zurück gehen soll, gut ausdrücken: Liebe und tu, was du willst. Ach wie wäre das Leben so schön, wenn alles so einfach wäre. Leider steckt der Teufel oftmals im Detail. Wenn ich mit meiner Liebesvorstellung ins Leben ausrücke, kann es sehr schnell passieren, dass ich nicht mehr weiß, wie ich mich verhalten soll. Soll ich einen kleinen Fehltritt beim anderen verzeihen – um damit vielleicht das große Ziel zu erreichen? Oder soll ich Übertretungen von aufgestellten, hilfreichen Regeln sofort klar sanktionieren und bestrafen? Damit z.B. die Schüler/innen in der Spur bleiben und das Lernziel erreichen?
Also: Der Grundsatz von Paulus mit der Liebe ist prima und hilfreich – und blickt auch schon auf eine lange Tradition – auch im AT zurück. Da aber wir Menschen alle ganz schön unterschiedlich sind, haben sich mit der Zeit auch die verschiedensten Wege in der Praxis entwickelt. Da gibt es Menschen, die kommen gut zurecht, wenn sie ein klares Gerüst mit Verhaltensregeln haben. Die möchten nicht in jeder neuen Situation neu nachdenken, welche Entscheidung die bessere oder gar Beste ist.
Eine Frage der Ethik
Wer zu spät aus der Pause in die Klasse kommt, bekommt einen Eintrag. Bei 3 Einträgen im Klassenbuch gibt es einen Tadel und so weiter. Die Fachleute nennen das Normenethik. Andere Menschen sagen, das Leben wird von wahnsinnig vielen Faktoren beeinflusst. Jeder Mensch lebt wie in einem Spinnennetz von tausend Einflüssen. Und wenn ich Menschen begleiten und fördern will, dann muss ich das in einem bestimmten Mindestmaß berücksichtigen. Das ist manchmal kraftraubend – aber man wird mit der Zeit routinierter darin, Unterschiede zu berücksichtigen. Und Entscheidungen, z.B. im Schulalltag werden von Schülern/innen besser verstanden und akzeptiert. Die Fachleute nennen das: Situationsethik.
Beide Ansätze können von Liebe durchwoben sein und zu einem guten Ergebnis führen. Mein persönlicher Ansatz ist eher der, dass ich gerne möglichst viele Faktoren in einer Konstellation berücksichtigen möchte, um damit möglichst gut der Sachlage gerecht zu werden. Dieser Ansatz ist aber nicht besser als der mit den klaren, festen Regeln. Eine Aufgabe, die aber jeder von uns hat, ist die, dass er herausfindet, welches Muster am besten zu ihm passt, wenn er in Liebe unterwegs ist. Wir müssen jeder von uns schauen: Was ist mein Weg? Manchmal ist es auch ein Zwischending zwischen den Regeln und dem flexiblen Reagieren.
Liebe und tu, was du willst. Und das kann bei jedem von uns am Ende sehr unterschiedlich aussehen. Es lebe die liebevolle Vielfalt. Amen.