Geerdet durch den Blick zum Himmel
Gottesdienst in Schafbrücke
Im Gottesdienst in der Kirche am Lorenzberg am 8. Februar, 11 Uhr, widmete sich Peter K. Sorg einem Lied von Paul Gerhardt. Eine Lehrstunde der Dialektik, also des Denkens in Widersprüchen.
Ich weiß, mein Gott, daß all mein Tun
1. Ich weiß, mein Gott, daß all mein Tun
und Werk in deinem Willen ruhn,
von dir kommt Glück und Segen;
was du regierst, das geht und steht
auf rechten, guten Wegen.
2. Es steht in keines Menschen Macht,
daß sein Rat werd ins Werk gebracht
und seines Gangs sich freue;
des Höchsten Rat, der macht’s allein,
daß Menschenrat gedeihe.
3. Es fängt so mancher weise Mann
ein gutes Werk zwar fröhlich an
und bringt’s doch nicht zum Stande;
er baut ein Schloß und festes Haus,
doch nur auf lauterm Sande.
Liebe Gemeinde,
viele unter Ihnen werden es wissen, dass ich vor meiner Zeit als Klinikseelsorger, die mich und die Familie zurück ins Saarland führte, sechs Jahre Landpfarrer im Hochwald war. Elf Dörfer gehörten zu meinem Gemeindebezirk in der Kirchengemeinde Hermeskeil-Züsch. Und in Züsch, einer einst evangelischen Insel in katholischem Umfeld, wohnten wir. Ein Dorf mit einer behaglichen lichten Kirche und einem geräumigen Pfarrhaus mit Gemeindeetage im Parterre. Beides Gebäude aus dem frühen 19. Jahrhundert, den 1820er Jahren.
Aus dem stammten viele der Häuser im Dorf, erbaut mit dem Schiefer der Züscher Lage, der neben schiefergrau auch rot und türkisgrün schimmern kann. Mit einem solchen Haus hatte unser rühriger Bürgermeister (SPD) gemeinsam mit dem Verbandsbürgermeister (CDU) Großes vor. Und wo Vernunft über Parteiraison siegt, kann Vernünftiges entstehen.
Das war der Plan: Aus der maroden Gebäudlichkeit einer schon lange brachliegenden Gaststätte sollte ein Bürgerhaus entstehen. Darum ließ der Architekt nach den ca. 150-jährigen Fundamenten graben. Man fand sie nicht. Es stellte sich heraus, dass die Altvorderen einfach ausschachteten, bis man auf gewachsenen Fels stieß, und auf dem errichtete man dann die Mauern vom Grund bis zum Giebel. Und das mit den eher mäßigen Materialien, die das Land einst lieferte. Der solide Grund ließ den Bau dennoch die Jahrhunderte überstehen, denn er fußte in hartem Fels. Man hielt sich sozusagen an eine biblische Bauregel. Die findet sich bei Matthäus folgendermaßen formuliert (Mt 7, 47 ff):
47 Wer zu mir kommt und hört meine Rede und tut sie – ich will euch zeigen, wem er gleicht. 48 Er gleicht einem Menschen, der ein Haus baute und grub tief und legte den Grund auf Fels. Als aber eine Wasserflut kam, da riss der Strom an dem Haus und konnte es nicht bewegen; denn es war gut gebaut. 49 Wer aber hört und nicht tut, der gleicht einem Menschen, der ein Haus baute auf die Erde, ohne Grund zu legen; und der Strom riss an ihm und es fiel gleich zusammen und sein Einsturz war groß.
Es steht in keines Menschen Macht,
daß sein Rat werd ins Werk gebracht
und seines Gangs sich freue;
Soweit ist das eine durchaus auch säkulare Erkenntnis. Die Skepsis, die daraus spricht, hat später ein ganz anderer in Reime gefasst: der Dramatiker Bert Brecht:
Ja mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch ’nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlecht genug.
Doch sein höhres Streben
Ist ein schöner Zug.
Bei Paul Gerhardt ist die Skepsis, das höhere Streben sei nur ein schöner Zug, überwunden. Er erkennt genau darin die Erdung, die Fundamentierung des Luftschlosses unserer Kreativität. Indem ich meinen Rat, meine Erkenntnis, in Gottes Rat reflektiere, also ganz wörtlich spiegele, bekomme ich Erdung.
Der Blick zum Himmel gibt meinem Denken Grund und Fundament. Das sollte jeden mündigen Christen freuen. Das stellt diese amerikanische Halleluja-Frömmigkeit in den Schatten! Denn hier ist die Anstrengung meines Verstandes, die Mühe des Analysierens, Denkens und Planens gefordert und geschätzt. Allein mit der Einschränkung: Mach kein l’art pour l’art daraus und verfalle nicht der Selbstgefälligkeit – zum Hochmut hast du keinen Grund, denn du bist ein rückgebundenes Wesen, eines mit „Religio“. Diese entzündet das helle Licht in Seele und Verstand. Diese erst gibt unserer Weisheit Tatkraft.
4. Verleihe mir das edle Licht,
das sich von deinem Angesicht
in fromme Seelen strecket
und da der rechten Weisheit Kraft
durch deine Kraft erwecket.
5. Gib mir Verstand aus deiner Höh,
auf daß ich ja nicht ruh und steh
auf meinem eignen Willen;
sei du mein Freund und treuer Rat,
was recht ist, zu erfüllen.
6. Prüf alles wohl, und was mir gut,
das gib mir ein; was Fleisch und Blut
erwählet, das verwehre.
Der höchste Zweck, das beste Teil
sei deine Lieb und Ehre.
7. Was dir gefällt, das laß auch mir,
o meiner Seelen Sonn und Zier,
gefallen und belieben;
was dir zuwider, laß mich nicht
in Werk und Tat verüben.
8. Ist’s Werk von dir, so hilf zu Glück,
ist’s Menschentun, so treib zurück
und ändre meine Sinnen.
Was du nicht wirkst, das pflegt von selbst
in kurzem zu zerrinnen.
Paul Gerhardt machte eines unmissverständlich deutlich: Es mit dem Christentum zu versuchen, ist kein bequemer Weg. Und damit bin ich wieder bei so manchen superfröhlichen Mitchristen, bei den amerikanischen Superkirchen, die auch bei uns auf der Suche nach simplen Gemütern sind. Nicht ohne Erfolg! Christentum ist verdammt unbequem. Christentum erschöpft sich nicht im geistlichen Gut-drauf-sein. Es legt uns die Mühe wie die Lust des Denkens auf. Der Diskurs, der produktive, sachorientierte Streit, ist sein jüdisches Erbe. Der Anstifter dazu ein diskussionswütiger Jude: Jesus von Nazareth. Auf ihn beruft sich ein Glaube, der das eigene Denken nicht verteufelt, im Gegenteil – mit Paulus, Augustinus oder Thomas von Aquin haben wir regelrechte Schutzheilige des selbständigen Denkens. Und eine Kernaufgabe dieses Denkens formuliert Paul Gerhardt. Täglich haben wir große wie kleine Entscheidungen zu treffen. Dann stehen wir sozusagen an ethischen Weggabelungen. Da gibt uns Paul Gerhardt einen Kompass: Ist’s Werk von dir, so hilf zu Glück ist’s Menschentun, so treib zurück.
Diese Frage, handle ich aus eigener persönlicher, höchst subjektiver Einschätzung, oder bin ich rückgebunden, stellt sich immer wieder. Sie stellt sich im Umgang mit dem Geldbeutel, sie stellt sich im Geschäftsleben:
der christliche Kaufmann, dem Thomas Mann ein Denkmal setzte, ist in der Deal Maker Ära, die alle Regeln zerstört, ein Auslaufmodell. Jene Frage stellt sich im Umgang mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ob in der Kirche oder in der Firma, genauso stellt sie sich in der Ehe, Partnerschaft und in der Kindererziehung, jene Frage stellt sich beim Schutz entstehenden Lebens wie bei der Begleitung zu Ende gehenden Lebens, sie stellt sich erst recht wenn wieder nach lebenswert und nicht lebenswert eingeteilt wird, sie stellt sich beim Umgang mit Fremden, stellt immer wieder im Plenarsaal, und ganz deutlich bei der Bundeswehr und ihren wachsenden Aufgaben.
Wir haben nur eine Basis, diese Fragen zu diskutieren: die Bibel. Das gibt uns aber nicht die Garantie auf Konsens. Fast jede Position lässt sich mit biblischen Quellen begründen. Gelebter Glaube heißt auch verschiedene Frömmigkeitsformen, Schulen und Lebensformentolerant zu ertragen. Vielleicht sind wir da den römischen Geschwistern voraus mit fünfhundertjähriger presbyterial-synodaler Tradition. Ich wünsche ihnen Gottes Segen für ihren Synodalen Prozess. Doch machen wir uns nichts vor: auch Presbyterien und Synoden können irren. Ich weiß nicht, wie oft ich die Hand für Fehlentscheidungen gehoben habe. Von den römischen Geschwistern aber sollten wir lernen, die Demarkationslinien zu benennen, die roten Linien. Heute heißt das NO GO. Paul Gerhardt gibt dafür Formulierungshilfe:
Ist’s Werk von dir, so hilf zu Glück, ist’s Menschentun, so treib zurück.
Singen wir die Vers 9 bis 11
9. Tritt du zu mir und mache leicht,
was mir sonst fast unmöglich deucht,
und bring zum guten Ende,
was du selbst angefangen hast
durch Weisheit deiner Hände.
10. Ist ja der Anfang etwas schwer
und muß ich auch ins tiefe Meer
der bittern Sorgen treten,
so treib mich nur, ohn Unterlaß
zu seufzen und zu beten.
11. Wer fleißig betet und dir traut,
wird alles, davor sonst ihm graut,
mit tapferm Mut bezwingen;
sein Sorgenstein wird in der Eil
in tausend Stücke springen.
Kreiste unser Lied bisher um die ethischen Entscheidungen eines Christenlebens, so geht es nun in die Praxis. Die Mühen des Anfangs, die Mühen der Ebene, der Dichter spart sie nicht aus. Er macht im gleichen Atemzug deutlich: Du gehst nicht allein durchs finstere Tal.
Er malt jenes „Dennoch bleibe ich stets bei dir, du hältst mich bei meiner rechten Hand“ wunderbar aus. Paul Gerhardt findet Worte, die wie Tritte und Griffe in der Kletterwand sind. Halt und Tritt, sich daran empor zu arbeiten, den Kräften, die uns in die Tiefe ziehen wollen, zu entrinnen.
Ich greife ein Bild heraus: ‚die Weisheit deiner Hände‘. Weisheit nicht nur als ein Denkvorgang, sondern als ein Handwerk. Etwas mit Hand und Fuß. Beim Töpfer können wir das sehen, wie die Weisheit Gestalt gewinnt, Kreation, Schöpfung wird. Genauso beim Diamantschleifer, dem Achatschneider, wie Steinbildhauer, bei der Schreinerin oder Schneiderin. Die wiederholen nicht mechanisch stumpf einen Vorgang, sondern entlocken dem Material die erdachte Form.
Ein Christ, eine Christin, bei aller betonten Selbständigkeit, traut dem Töpfer, der ihn dem Amorphen entwindet, dem Gott, der in seiner Weisheit Hand anlegt und ihm Schliff gibt, die schlummernd verborgene Form und Größe zum Vorschein bringt. Daraus kann die Kraft erwachsen, die tief sitzenden Ängste nicht Überhand gewinnen zu lassen. Im Meer der Sorgen sollst du nicht versinken. Das ruft uns Paul Gerhardt, der wusste, was Sorgen sind, über die Jahrhunderte zu:
Ist ja der Anfang etwas schwer
und muß ich auch ins tiefe Meer
der bittern Sorgen treten,
so treib mich nur, ohn Unterlaß
zu seufzen und zu beten.
Es ist diese Petruserfahrung. „Wenn du es bist, Herr, so lass mich zu dir kommen – über das Wasser.“ Doch ihm reißt der Vertrauensfaden: Als er die Naturgesetze auf den Kopf stellt und erkennt, worauf er sich eingelassen hat, verlässt ihn der tapfere Mut und die Wellen schlagen über ihm zusammen. Und in diesem Moment höchster, selbst gesuchter Bedrohung, darf er erfahren, dass er herausgerissen wird aus dem Meer der Sorgen. Jesus zieht ihn an sich, befreit ihn aus der Angst und der Umklammerung des Todes.
Petrus ist für mich der biblische Gewährsmann unserer männlichen Spiritualität. Der darf erfahren: Mein Sorgenstein wird in der Eil in tausend Stücke springen. Erlöst wieder den festen Boden unter den Füßen spüren, von dem die ersten Zeilen sangen. Mein Luftschloss ist geerdet, weil ich eine Heimat im Himmel habe. Ich kann meinem Geist und Verstand trauen, wenn Gottes Geist sie inspiriert. Das singt uns Paul Gerhardt ins Gemüt – und er nennt uns den Grund dieser Zuversicht:
Wir heißen Gottes Kinder und wir sind es auch.
So soll der Dichter das letzte Wort haben.
Singen wir Vers 13 & 14:
13. Du bist mein Vater, ich dein Kind;
was ich bei mir nicht hab und find,
hast du zu aller G’nüge.
So hilf nur, daß ich meinen Stand
wohl halt und herrlich siege.
14. Dein soll sein aller Ruhm und Ehr,
ich will dein Tun je mehr und mehr
aus hocherfreuter Seelen
vor deinem Volk und aller Welt,
so lang ich leb, erzählen.