Der Weg in die Welt
Mit Humor und gleichzeitig tiefem Ernst beschreibt Lukas in der Apostelgeschichte (Apg 10, 21-35), wie sich die Botschaft vom Auferstandenen einen Weg in die Welt bahnt. Beweglichkeit und Stabilität halten sich dabei die Waage. Die Predigt von Stephan Hüls vom 25. Januar 2026 hier zum Nachlesen.
Apostelgeschichte 10, 21-35
Wenn Ernsthaftigkeit mit einer guten Portion Humor serviert wird, ist das für mich eine geschmackvolle Mahlzeit. Das begegnet mir in dem heutigen Predigttext, denn hier ist die humorvolle Seite Gottes mit seiner klaren Ernsthaftigkeit verwoben.
Eine göttliche Lehrstunde
Zwischen dem Jünger Petrus und dem römischen Hauptmann Cornelius findet eine ereignisreiche Begegnung statt. Sie sind jeweils Vertreter von ursprünglich stark verfeindeten, gegeneinander kämpfenden Gruppen. Und die militärische Übermacht lag klar auf römischer Seite. Normalerweise gehen sich Vertreter der jüdischen und römischen Seite weiträumig aus dem Weg. Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, will aber aufzeigen, wie sich der christliche Glaube – der zu der Zeit wahrscheinlich noch als jüdische Glaubensvariante eingestuft wurde – wie dieser Glaube sich weiterentwickelt und Raum gewinnt. Damit diese Begegnung geschehen kann und gelingt, greift Gott auf eigentümliche Weise ein. Er bereitet Petrus darauf vor. Dieser hat Hunger und wartet bei seinem Gastgeber auf eine Mahlzeit. In einer Vision auf dem Dach von dessen Haus sieht er ein Tuch mit vielen Tieren herabkommen, die in ihrer besonderen Aufzählung an die Schöpfungsgeschichte anknüpfen. Gott bezeichnet die Tiere als rein – so dass Petrus diese nicht als gemein oder unrein bezeichnen soll. Vielleicht eine Anspielung darauf, dass es zwar unterschiedliche Menschen gibt, die aber alle aus der einen Schöpfung hervorgegangen sind. Somit können Menschen eigentlich nicht in rein und unrein unterteilt werden.
Damit könnte hier mit einem Lächeln Gottes gesagt sein: Eure Unterteilung in kultisch reine Juden und unreine heidnische Römer ist menschengemacht – und nicht gottgewollt. Die Juden vermieden in jener Zeit die Begegnung mit Römern, weil man Gefahr lief, kultisch verunreinigt zu werden. Diese Szene ist schillernd. Es scheint einerseits um die Rein- und Unreinheit der Tiere zu gehen – und zugleich auch den grundsätzlichen Gedanken von rein und unrein in der Begegnung zwischen Menschen zu gehen. Von der Schöpfung her gedacht sind alle Tiere und auch der Mensch gleich vor Gott. Rein contra unrein ist also eine unpassende Unterscheidung. Auch die Unterteilung in Menschen, die im Inland oder im Ausland geboren sind ist in diesem Sinne Quatsch. Auch wenn heute manche Politiker uns etwas anderes weiß machen wollen.
Also Petrus bekommt eine göttliche Lehrstunde, damit er offen ist für das, was sich anbahnt. Auch der Hauptmann Cornelius hat eine nicht unähnlich gelagerte Lehrstunde. Durch einen Engel Gottes erfährt er, wo sich Petrus aufhält und dass er nach ihm schicken lassen soll. Schmunzelnd stelle ich fest: Da Engel meist nicht beim Geheimdienst arbeiten, lenkt Gott die Geschehnisse humorvoll in die richtige Bahn. Daraufhin stellt Cornelius sehr geschickt eine Abordnung zusammen. Durch den frommen Soldaten in der Gruppe wird deutlich, es ist der römische Hauptmann, der ihn herbittet – was ein widersprechen als nicht sinnvoll erscheinen lässt. Und zudem zwei Sklaven, die die Einladung niederschwellig erscheinen lassen.
Petrus und Cornelius
Nach diesen beiden besonderen Impulsen durch Engel kann Gott die Begegnung und die daraus entstehende Entwicklung wieder in normalen Wegen sich entwickeln lassen. Um die Brisanz dieser Begegnung besser erfassen zu können, wende ich den Blick auf die beiden Hauptpersonen: Petrus und Cornelius. Petrus ist uns aus den Evangelien bekannt als Jünger mit Führungsqualitäten aber auch mit impulsiven Handlungen, die nicht immer zielführend erscheinen. Er ist nach den Frauen an Ostern Zeuge des leeren Grabes und dann auch der Auferstehung Jesu. Er scheint in der Jerusalemer Gemeinde eine Leitungsrolle innegehabt zu haben – wenngleich er natürlich nicht der erste Papst gewesen ist. Er steht beispielhaft für die Schnittstelle zwischen dem jüdischen Glauben und dem neu aufkeimenden (christlichen) Glauben, dass der Auferstandene Jesus auf eine besondere Weise den Weg zu Gott geöffnet hat. Zu dieser Zeit ist dieser neue christliche Glaube als eine Variante des jüdischen Glaubens eingeschätzt worden. Und vieles ist bis heute in unserem Glauben nur von den jüdischen Wurzeln her zu verstehen.
Der römische Soldat und Hauptmann Cornelius stand dem jüdischen Glauben nahe und könnte Mitglied in der Synagoge gewesen sein. Er war fromm und gottesfürchtig und gab viele Almosen (Spenden) an das jüdische Volk und war barmherzig, so das Zeugnis der Apostelgeschichte. Damals waren die Kriterien, wer Jude war und wer nicht, noch nicht in der späteren Eindeutigkeit herausgearbeitet. Daher kann es sein, dass er vollwertiges Mitglied der jüdischen Synagogengemeinde war.
Gott sieht nicht die Person an
Bis hierhin ist der Text der Apostelgeschichte eigentlich nur Vorgeplänkel für die dann folgende Predigt des Petrus, die er im Hause des Cornelius samt den herbeigerufenen Interessierten hält. In der Einleitung formuliert Petrus das zugrundliegende Fundament (basics).
Er sagt: In Wahrheit werde ich inne, dass Gott nicht die Person ansieht, sondern dass in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt, ihm willkommen ist. Auf drei Aspekte möchte ich unser Augenmerk richten: Gott sieht die Person nicht an; Gott fürchten, was heißt das?; und was steckt hinter der Formulierung „Gerechtigkeit üben“.
Gott schenkt dem Äußeren einer Person keine Beachtung.
Gott ist die Hautfarbe eines Menschen egal. Er hat sie schließlich selbst geschaffen.
Gott bewertet es nicht, ob jemand im Anzug, im Abendkleid oder im Joggingoutfit oder mit Löchern im Hemd kommt.
Er achtet nicht darauf, ob sich jemand gut ausdrücken kann, ob er stottert oder gar nicht sprechen kann. Ihm sind die Ausstrahlung und der Habitus eines Menschen piep egal.
Der Kontostand kümmert ihn nicht, auch die Unterkunft gibt keine Plus- oder Minuspunkte.
Gott blickt nicht auf das Äußere.
Für die, die sich super gut präsentieren können, ist das vielleicht erschreckend – aber für die sogenannten armen Schlucker ist das ein echter Lichtblick – denn sie haben bei Gott die gleiche Chance wie alle anderen.
Gottesfurcht
Wie kommt eine gute Verbindung zu Gott zustande? Ein Kontakt zu Gott baut sich auf, wenn man ihn fürchtet – so die Formulierung hier in der Apostelgeschichte. Die Wortbedeutung von Gottesfurcht deckt im AT wie im NT einen riesigen Bereich ab. Angst und Schrecken gehören dazu wie auch Ehrfurcht. Überraschend ist dann aber für mich die Begrüßung der Engel, wenn sie zu den Menschen aus dem göttlichen Bereich kommen: Fürchte dich nicht. Und vom jüdischen Denken her ist Furcht intensiv mit der Liebe gekoppelt. Gott erwartet Respekt und begegnet dem Menschen mit Liebe. Jeder und jede muss sich wahrscheinlich an ein eigenes Verständnis bezüglich der Furcht herantasten.
Gerne lasse ich sie teilhaben an meinen Tastversuchen. Wenn ich Angst vor einer Aufgabe habe, bin ich wie gelähmt, dann geht gar nichts. Nur wenn ich angstfrei bin, kann ich vernünftig denken und handeln. Wenn ich im Unterricht eine Atmosphäre der Angst verbreite, lernen die Schüler und Schülerinnen äußerst schlecht. Wenn hingegen Fröhlichkeit herrscht, können Menschen neue Erkenntnisse aufnehmen. Besonders in meinen Flüchtlingsklassen tauchte immer wieder die Formulierung auf: Du musst Respekt vor anderen Menschen haben. Also ihm eine klare Achtung entgegenbringen.
Für mich ist wichtig, dass ich vor Gott keine Angst haben muss. Ich bringe ihm Respekt entgegen. Ich habe eine positive Erwartung ihm gegenüber. Ich brauche ihm nichts vormachen, denn er schaut durch die Äußerlichkeiten hindurch – direkt ins Herz. Ich spüre, dass er mir eine große Liebe entgegenbringt. Das tut gut.
Gerechtigkeit
Spätestens dann weiß ich, dass ich keine Angst haben muss. Gott sieht nicht auf das Äußere. Und wer ihn fürchtet und wer Gerechtigkeit übt, ist Gott willkommen. Sich für Gerechtigkeit einsetzen, ganz praktisch, mit den Händen und mit körperlichem Einsatz.
Wir sind ja oft vom lateinischen Denken her geprägt. Da gilt der schon als gerecht, der sich an alle Gesetzesvorschriften hält, egal wie er diese Gesetze für sich auslegt. Vom hebräischen Denken – was ich hier stärker im Hintergrund sehe – ist das Handeln gerecht, was die zwischenmenschlichen Beziehungen positiv fördert.
Wenn jemand nichts zu essen hat, handle ich gerecht, wenn ich ihm Speise bringe. Wenn jemand keine Arbeit hat und deswegen seine Familie nicht ernähren kann, ist es gerecht, wenn ich ihm Arbeit besorge, von der er leben kann. Wenn jemand krank ist, ist es gerecht, wenn ich ihn unterstütze wieder gesund zu werden. Wenn jemand sich aufgrund seiner Machtstellung sexuelle Befriedigung mit einer Frau verschafft, dann ist es gerecht, wenn ich das offen lege und dafür sorge, dass Menschen einander Respekt zollen.
In dieser Situation öffnet die Osterbotschaft auf ganz besondere Weise einen neuen Raum bei den Menschen. Die Botschaft Gottes gilt nicht mehr nur den Menschen, die schon immer zum Volk Gottes als Auserwählte dazu gehörten, sondern allen, die sich in Ehrfurcht die Liebe Gottes erweisen lassen und die in diesem Vertrauen auf den wohltuenden Gott in ihrem eigenen Umfeld wohltuend für andere aktiv werden. Die in praktischer und handelnder Form Gerechtigkeit üben.
Wo diese Zuwendung Gottes von Menschen aller Couleur gespürt wird, da sind die Menschen begeistert und werden vom Heiligen Geist durchflutet – so auch in der folgenden Schilderung in der Apostelgeschichte. Ich fasse diese Predigteinleitung als Ermunterung für mich auf, noch mal auf diese basics zu schauen und sie ernst zu nehmen. Gott ist ein respektables Gegenüber, der sich mir in Liebe zuwendet und mich ermuntert Liebe weiterzugeben und damit Gerechtigkeit in der Welt zu versprühen. Möge in diesem Sinne der Heilige Geist unter uns und in der Welt spürbar werden. Amen.