Das Schicksal der Luddi K.

Gottesdienst zum Weltfrauentag

Peter K. Sorg hat das Schicksal der Ludwine Kilz aus Züsch bei Trier in den Mittelpunkt des Gottesdienstes zum Internationalen Frauentag am 8. März 2026 in den Mittelpunkt gerückt.

Weltfrauentag: Das ist kein kirchlicher Feiertag. Ich erlebte ihn einst eher als sozialistische Folklore. Unser russisch-jüdischer Opa Lev, sowjetisch sozialisiert, pflegte ihn mit Hingabe. Die DDR sicherlich mit einem Meer von roten Nelken für die „Muttis“. Danach konnte der sozialistische Mann wieder in die gewohnte Rolle schlüpfen. Begonnen hat die Tradition des Weltfrauentages Anfang des letzten Jahrhunderts.
Im Kaiserreich mit seinem überbordenden Nationalismus wie Militarismus kämpften Frauen für ihr Wahlrecht und stellten sich der allgemeinen Kriegsbegeisterung entgegen. Ein oppositionelles, ein sozialistisches Projekt wider den Zeitgeist.

Ich stelle mir vor, dass es für die bürgerliche Männerwelt jene Jahre ein Affront gewesen sein muss, dass die Suffragetten, die allesamt bürgerlichen Verhältnissen entstammten, sich der Bewegung anschlossen. Als in der Weimarer Republik das allgemeine, geheime und zu fehlen. Immer gab es Diskussionen um diesen Tag. Doch nie ist er
gänzlich verschwunden. Gut so! Mehr noch, in Berlin und seit kurzem in Mecklenburg-Vorpommern ist er offizieller arbeitsfreier Feiertag. Es geht ja auch um so viel mehr als eine gerechte Sprache, die nie meine werden wird, um mehr als politische Korrektheit und Aufmerksamkeitskultur.

Der Weltfrauentag mahnt, dass weltweit Frauen Gewalt angetan wird (in allen Schichten), dass sie gehandelt werden wie Ware, dass patriarchale Familien und Herrschaftsverhältnisse bestimmen, wen sie zu lieben haben, welche Kleidung sie tragen und, und, und. Grund genug, sich dieses Themas in diesen Mauern anzunehmen im Licht einer befreienden Botschaft.

Predigt

Heute soll eine Frau im Mittelpunkt stehen, die nie im Mittelpunkt stand, die es nie dahin drängte. Ein Mensch, der ein kleines bescheidenes Leben lebte, in das das Schicksal immer wieder wie ein Blitze schleudernder Zeus zerstörerisch hineinschlug. Ludwine K. aus Züsch. Wir werden von ihr erzählen, aber nicht, um eine Heilige aus ihr zu machen, darüber hätte sie schallend gelacht. Ihr Schicksal erzählt von Frauen allgemein, deren Meisterschaft, mit Krisen umzugehen, ihrer Zähigkeit und Beharrlichkeit. Und vielleicht gewinnen Sie ja auch den Eindruck, dass das starke Geschlecht nicht das mit der Testosteron Produktion sein kann. Womit wir am Frauentag wie einst gegen den Zeitgeist löcken. Doch nun zu Luddi. Lassen wir sie mit ein bisschen Phantasie zu uns sprechen. 

Ludwine und die Nazis

Ich bin Ludwine aus Züsch, einem kleinen Hochwalddorf. Alle nennen mich hier Luddi. Im Frühjahr 1923 bin ich geboren. In die Familie Moser. Im Dorf roch es da noch nach Kühen und Schweinen. Und wir Kinder bekamen mit 7 oder 8 ein Häckchen auf die Schulter und dann ging es ins Feld. Jäten. Die Väter, wenn sie Arbeit hatten, waren oft Maurer und auf Montage. Harte Arbeit. Aber auch für die Frauen. Sie bestellten unter der Woche die Felder. Harte, kalte Erde. Schiefer und Lehm. Da war nix mit „Im Märzen der Bauer“ – Nein! Frost bis in den April! Es war eine arme Zeit, reich nur an Kindern. Das war herrlich. Wenn ich mit meiner Cousine Hedwig an der Dombach spielte. Und wenn die Dorfbuben kamen und uns provozierten, dann schossen wir zurück. Die Moser-Mädchen sind alle schlau und nicht aufs Maul gefallen.

Dann kamen die Nazis, und die Väter und Brüder waren begeistert.
„Für Führer, Volk und Vaterland“. Ja, für die durften sie in den Krieg ziehen! Und fehlten auf dem Feld; in Haus und Hof. Manche für lange Zeit, andere für immer. Gefallen für Führer, Volk und ach hör auf …

Für unsere Eingezogenen kamen Zwangsarbeiter als Ersatz. Meist Franzosen. Und einer war dabei, der Max. Ach, der gefiel mir. Schwarze Augen, schwarze Locken, und Manieren hatte der. Anders als die Dorfbuben. Abends trafen wir uns hinter der Scheuer. Redeten, so gut das ging, schmusten. Und da ist es halt passiert. Wir waren beide um die zwanzig und verliebt. Und bauf, war ich schwanger. Und da habe ich sie richtig kennen gelernt, die Nazis. Die im Rathaus und schlimmer noch: die in der eigenen Familie. Wenn bei uns den Männern die Argumente ausgehen, und das ist schnell der Fall, dann gehen sie zur Handschrift über. Da genügte schon, dass du als konfirmiertes Mädchen einen gefirmten Buben liebst, um grün und blau geschlagen zu werden. Und dann ein Kind, einen Bankert, von einem Franzosen, dem Erzfeind, der auch noch hübscher ist als unsere Buben. Denunziert haben sie mich bei der braunen Obrigkeit. Ich wurde verhört und landete im KZ.

Aber ich hatte meine Lydia zur Welt gebracht. Schwarze Augen und schwarze Locken. Ein gesundes, bildhübsches Mädchen. Ich habe sie so geliebt. Was mit Max, meinem geliebten Max, passiert ist? Ich weiß es nicht. Sicher kam er auch ins KZ. Ob er überlebte? Ich habe es nie erfahren. Irgendwann musste die Kleine ins Krankenhaus nach Hermeskeil. Von dort dann die entsetzliche Nachricht: Lydia ist tot.

Ich habe nur noch geschrien. Ich durfte sie nicht sehen, nicht beerdigen. Mein Kind! Später habe ich dann die Frau vom Chefarzt gesehen. Mit einem kleinen Mädchen an der Hand: schwarze Augen, schwarze Locken. Meine Lydia! Was sollte ich tun? Wenn ich gekämpft hätte, wäre ich wieder im KZ gelandet. Außerdem hatte ich keinen Rückhalt daheim. Da habe ich diesen ungeheuren Schmerz in mich hineingenommen. Tief ins
Herz. Eingekapselt, dass es nicht zerbricht. Und nach außen ist meine Schale immer rauer geworden. Nix habe ich mir mehr gefallen lassen.
Mir ist die größte Ungerechtigkeit passiert. Aber ich habe nie aufgehört, an die Gerechtigkeit zu glauben. Und an unseren Herrgott. Das mit dem Lieben Gott kommt mir nicht mehr über die Lippen. Aber um beides muss man kämpfen. Sie werden uns nicht geschenkt. Die Gerechtigkeit und der Herrgott.“

Nach dem Krieg

Luddis Leben erfuhr noch einmal eine Wende. Viele Jahre nach dem Krieg:

„Ja, unvorstellbar, da hat sich doch wahrhaftig einer in mich verkuckt. Der Reinhold Kilz, der hat sogar richtig um mich geworben. Na, so gut das halt ein Hochwaldbub konnte, der nie aus seinem Dorf her
ausgekommen war. Um mich, Ludwine, rauh, laut, geradeaus, aber manch mal auch herzlich. Manchmal. Ja, mein Reinhold. Der war aus gutem Holz. Fleißig und verlässlich und nicht auf den Kopf gefallen. Kein Säufer, kein Halodri. Nebenerwerbslandwirte waren wir. Sogar ein Kind hat uns der Liebe Gott geschenkt. Habe ich der Liebe Gott gesagt? – Na ja! Unsere Ursula kam in der Weihnachtswoche 1957 zur Welt. Ein richtiges Dorfkind war sie. Über Felder und Weiden gestromert, wie wir früher. Aber das Drecks-KZ und die Sache mit Lydia hatten etwas in mir zerstört. Ich konnte keine Liebe mehr geben! Da versagt auch der stärkste Wille, wenn das Leben etwas in dir kaputt gemacht hat, deine Gefühle. Darum wurde meine Ursel ein absolutes Papa-Kind.

Mit ihrem Papa auf dem Traktor zu fahren, das war das Größte. Am liebsten durch die Mühlen-Furt von der Königsbach, die zwischen Züsch
und Neuhütten fließt, zum Züscher Hammer runter. Und an Neujahr 1968, Ursel war gerade 11 geworden, hatten sich die beiden
in den Kopf gesetzt, mit dem Traktor aufs Feld zu fahren, um nach dem rechten zu sehen. Hätte ich sie doch abgehalten bei dem hohen Schnee! Mein Lebtag werde ich nicht vergessen, wie die Männer vor der Tür standen: „Luddi, es ist was schreckliches passiert.“ Ich war nur noch ein Schrei. In der Furt war der Traktor ins Rutschen gekommen, kippte und begrub meine beiden unter sich. Ersoffen wie die Ratten. Mann und Kind. Mein Reinhold und meine Ursel. Was hat ‚DER DA OBEN‘ gegen mich? Als ich aufhören konnte zu schreien, habe ich den Schmerz in mich hinein genommen. Wieder einmal! Eingekapselt tief im Herzen, damit es nicht zerbricht. Wieder einmal härter geworden, noch rauer – aber nicht zerbrochen.“

Das dritte Kind

Lange Jahre lebte Luddi Kilz allein in ihrem Häuschen am Dollberg. Bescheiden eingerichtet war es, aber gemütlich mit einem freundlichen Windfang. Im kalten Hochwald ist das ein nützliches Bauelement. In der Wohnstube, wo ich öfter mit ihr saß, hing über der Kommode das Schwarz-Weiß-Bild von Mann und Tochter, Reinhold und Ursel. Luddi fraß nichts in sich hinein, dort erzählte sie mir von ihren Schicksals
schlägen. Nur so überlebt man wohl solche Traumata, ohne zu erstarren
oder zu zerbrechen. Sprechen ist Erlösung.

In jener Stube erzählte sie mir auch von der dritten Wende ihres Lebens. Doch diesmal schüttelte das Schicksal sie nicht erneut durch. Vielmehr half sie dem Schicksal auf die Sprünge. Sie legte sich mit der Bürokratie an, die ihrer gelebten Nächstenliebe nicht folgen wollte. Laut, zielstrebig und vom Leben hart gemacht entsprechend durchsetzungsfähig. Aber hören wir es sozusagen von ihr!

„Ja, was soll ich sagen? Dann hat mir der Herrgott mein drittes Kind ge
schenkt. Also, er hat es mir nicht geschenkt. Ich habe es mir erkämpft.
Auf einmal war er da, der Junge vom indischen Subkontinent, ein junger Asylbewerber. Ein Bub noch, 21, aber eigentlich noch ein Kind. Ich habe mich bei der Arbeiterwohlfahrt engagiert. So haben wir uns kennen gelernt. Er lernte Deutsch. Ich habe öfter mal für ihn gekocht. Gulasch natürlich, Curry kann ich ja nicht. Kartoffeln statt Reis. Und irgendwann hat er Mama gesagt.

Da war mir klar, dass ich den Babul adoptieren muss. Ein Menschenkind in Not mit bedrohtem Aufenthalt. Jemand, dem man ansieht, dass er nicht in Europa seine Wurzeln hat. Mich hat die Hautfarbe noch nie interessiert. Ungerecht ist es, einen Menschen danach zu beurteilen. Weil der Mensch ein Mensch ist. Punkt, Ende, aus. Alle sind Gottes Kinder. Aber in meiner Gegend, wo sie bei dem Wort Ausländer schon die Brauen hochziehen, da brauchst du schon Courage. Und die habe ich, ob als Sozialdemokratin oder als Christin. Courage, Mut, ich ducke mich nicht! Ungerechtigkeit aber schürt den Zorn in mir. Und ich kann sehr zornig werden. Als eine Behörde mich zur nächsten schickte und alle nur sahen, was nicht möglich ist, da flogen die Fetzen. Da flog der Kitt aus dem Fenster.

Aber ich bekam, was ich wollte, meinen Buben. Ich habe über mehrere Instanzen kämpfen müssen. Geld hat‘s auch gekostet. Aber es hat sich gelohnt. Grummelnd stimmte man der Adoption zu. So brachte ich quasi den ersten Ausländer ins Dorf. Und der bekam Boden unter die Füße, schloss die Schule ab, ein heller Kopf, machte eine Ausbildung und gründete eine Familie. So habe ich auch tolle Enkelinnen bekommen – was zählt schon Blutsverwandtschaft. So, jetzt kennt ihr mein Leben ein bisschen. Könnt euch denken, warum ich so wenig pflegeleicht war. Hart und laut. Aber mit einem Herz voller Liebe, in dem sozusagen zwei Granatsplitter eingekapselt bleiben.

Was mich nicht hat zerbrechen lassen? Nun, mein Glaube an die Gerechtigkeit. Dabei kenne ich die Ungerechtigkeit wie kaum ein zweiter. Deshalb war ich Sozialdemokratin und nicht wegen eines Pöstchens wie die …, na, ihr wisst schon. Und der Glaube an meinen Herrgott. Der blieb mir wichtig, auch wenn ich ihn angeschrien habe! Wie sagen die Schlauen: Gott legt uns Lasten auf – aber nicht mehr als wir
tragen können. Vergesst es! Es kann viel mehr sein, als man tragen kann. Unerträglich kann die Last sein. Un-trag-bar! Unerträglich konnte aber auch ich sein, weil ich Untragbares tragen musste. Und so bin ich nicht zerbrochen, weil der da oben mir verdammt viel Kraft
mitgegeben hat. Und den Mut, nie den Mund zu halten.

Schluss

Liebe Gemeinde, im Januar 2008 ist diese tapfere Frau im Hause ihres Adoptivsohns verstorben, liebevoll begleitet von dessen Familie. Ihr Schicksal teilen so viele Frauen auf der Welt in der ein oder anderen
Weise. Nicht allen ist so viel innere Stärke geschenkt. Hoffen wir auf einen Herrgott (wie Luddi sagen würde), der ihnen beisteht auch durch Männer und Frauen mit Ludwines Löwinnenmut. Amen