Freut euch! Mäh!

Gottesdienst in Schafbrücke

Am Sonntag, 15. März, nahm Pfarrer i.R. Stephan Hüls das Gleichnis vom verlorenen Schaf nach Lukas in den Blick. Verlorenes wird gefunden, einer bemüht sich wie selbstverständlich um das Verlorene, 99 scheinen zurückgelassen zu werden, 1 Schaf macht ganz eigene Erfahrungen. Und zum Schluss ist große Freude: Lätare – freut euch!

Predigt zu Lukas 15, 1-7– Das Gleichnis vom verlorenen Schaf

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf gehört hier in Schafbrücke eigentlich ab und an zum Pflichtprogramm – allein wegen der Tiere, die in dieser Geschichte im Mittelpunkt stehen. Auch wenn der Ortsteil Schafbrücke für die Gemeinde nicht mehr namengebend ist, schwingt es für mich immer noch mit. Zunächst einen kleinen theologischen Aperitif, damit wir Appetit für die weitere Kost bekommen. Dieses Gleichnis über 100 Schafe, von denen eins verloren gegan­gen ist, steht bei Lukas und Matthäus. Markus überliefert es nicht.

Das Markusevangelium ist anerkannter weise das Älteste von den vier Evangelien und man geht davon aus, dass es Mattäus und Lukas vorgelegen hat, die es dann als literarische Fundgrube verwendet haben. Da Mt und Lk das verlorene Schaf in ganz, ganz ähnlicher Weise überliefert haben, geht man davon aus, dass ihnen dieses Gleichnis schriftlich vorgelegen hat.

Da Lk und Mt einige solcher Stellen haben, die sie gemeinsam haben und bei Markus fehlen, geht man in der Forschung davon aus, dass es eine schriftlich verfasste Quelle gegeben hat, die Sprüche und von Jesus erzählte Geschichten beinhaltet hat. Matthäus und Lukas nehmen Überlieferungen aus dieser Quelle auf und passen sie in ihren jeweiligen roten Erzählfaden ihrer Evangelien ein. Man kann teilweise sogar noch Spuren der schriftstellerischen Handwerksarbeit dabei erkennen.

Also heute ein Gleichnis aus dieser Spruch-Quelle Q, wie man sie meist nennt, die vielleicht sogar einen Vorlauf der mündlichen Überlie­fe­rung gehabt hat und damit wahrscheinlich zeitlich sehr nah an die Verkündigung Jesu herankommt. Soweit der theologische Aperitif. Jetzt folgt die anspruchsvolle Vorspeise.

Ich nehme nun die sogenannte Bildhälfte unseres Gleichnisses ins Visier. Die eigentliche Geschichte vom Hirten, der das eine verlorene Schaf sucht. Es beginnt mit einer rhetorischen Frage: Wer unter euch, der hundert Schafe hat, sucht nicht das eine, das verloren gegangen ist. Da bleibt einem als Zuhörer eigentlich nichts anderes übrig, als wenigstens zu murmeln: Ja, das würde ich auch suchen.

Widersprechen geht einem gegen den Strich, das geht bei dieser geschickten Fragestellung nicht. Das ist so, als ob ich fragen würde: wer unter euch hat ein Handy, dass er nicht umgehend zu suchen beginnt, wenn er es irgendwo hat liegen lassen? Ja, sagen alle. Ist mir auch schon mal passiert. Da hält man Ausschau.

Wenn ich dieses Gleichnis mit jungen Menschen in den Blick genommen habe, kam immer ganz schnell die Überlegung und Frage auf: Die 99 Schafe, lässt der Hirte die einfach so zurück? Die könnten doch überfallen werden von einem wilden Tier. Da könnte sich doch auch eins von verletzen. Macht er einen Zaun drum­herum? Gibt es einen Hütehund? Oder gar noch einen weiteren Hirten? Ist das nicht verantwortungslos, wenn er die wirklich ohne Aufsicht zurücklassen würde?

Der Text lässt mich mit diesen Fragen allein. Wobei der Erzählende wahrscheinlich eine Nichtgefährdung der 99 Schafe voraussetzt. Ein weiteres Detail: Wieso kann überhaupt ein Schaf verloren gehen? Hat der Hirte nicht aufgepasst? Hat der irgendwo gestanden und am Handy gedaddelt? Oder ein Nickerchen gemacht?

Aber da muss ich den Hirten in Schutz nehmen. Damals waren die Hirten meist mit ihren Herden wandernd unterwegs, weil sie von Weide zu Weide ziehen mussten. Sie hatten keinen festen Standort, der genug Nahrung über längere Zeit für eine Herde hergab. Und wer mit Schafen von A nach B zieht kann dabei nicht immer alle Tiere im Blick haben.

Dürfte also immer wieder mal passiert sein, dass am Zielort Verlust zu melden war. Welchen materiellen Wert hat dieses eine Schaf für den Hirten gehabt? Und war die Herde sein Eigentum oder war er ein Miethirt, was es früher auch häufiger gab?

Den damaligen Wert eines Schafes zu ermitteln, stößt an klare Grenzen. Nach den antiken Quellen kann man in etwa so viel sagen, dass der Wert eines Schafes etwa dem Wochenlohn eines Hirten ent­sprach. Nach anderen Angaben könnte es sogar einem Monats­lohn entsprochen haben. Das wäre in der Tat Grund genug sich auf die Suche zu begeben, wenn denn den anderen Schafen in der Zwischenzeit nichts passiert. Auch als Eigentümer der Herde wäre der Verlust nicht unerheblich, so dass auch in diesem Fall die Suchaktion sinnvoll wäre. Wobei anzumerken ist: Das Suchen scheint selbstverständlich zu sein, das Finden ist aber damit nicht automatisch gegeben.

Ich komme zum theologischen, kulinarischen, Hauptgang. Bei einem Gleichnis drängt sich immer die Frage auf, für was das Bild bzw. die kurze Geschichte als Vergleich dienen soll. Liegt der Vergleichspunkt hier eher bei dem Hirten, der deutlich mit seinem Engagement in den Vordergrund gerückt wird.

Oder sind es vielleicht die Schafe oder gar das eine Schaf, über dessen Finden sich eine so große Freude ausbreitet? Ich spiele gerne entsprechend verschiedene gedankliche Möglich­keiten durch. Die alttestamentlichen Texte waren den Zuhörenden damals bekannt und prägten deren Vorverständnis. Hirten tauchen dort immer wieder mit unterschiedlicher Couleur auf.

Das Verhalten des Hirten wird z.B. immer wieder für die Charakte­risierung des königlichen Verhaltens benutzt. So wie der gute Hirte sich um das Wohlergehen seiner Schafe bemüht, so soll auch der gute König sich für das Wohl seines Volkes einsetzten. Da, wo durch das Fehlverhalten des Königs Schaden für die Unter­gebenen entsteht, wird das Bild des schlechten Hirten als Vergleich herangezogen.

Der erwartete und zukünftige, richtig gute König, wird als Messias bezeichnet. Und wie schon in der Vorstellung der normale König von Gott eingesetzt ist, so wird natürlich auch in ganz besonderer Weise der Messias von Gott eingesetzt. Ihm haftet also von Haus aus schon eine gewisse Göttlichkeit an.

Sollte hier eine vage Verbindungslinie vom erwarteten Messias zum Erzählenden angedeutet sein? Es ist nicht ganz auszuschließen – aber es drängt sich m.E. auch nicht stringent auf. Weiterdenken ist für jeden erlaubt.

Eine andere Perspektive lässt den vergleichenden Blick auf die Schafe zu. Ein Schaf ist nicht mit den anderen auf dem Weg geblieben. Hat eine eigene Erkundungstour unternommen und macht dabei ganz eigene Erfahrungen. Hat Dinge entdeckt, die die anderen nicht wahrge­nom­men haben. Fühlt sich dann aber ganz elend als es die anderen nicht mehr sieht. Findet nicht mehr den Weg zu den anderen. Wird dann nach längerer Zeit vom Hirten entdeckt und gerettet. Und fühlt sich vielleicht so, wie der Beter des Psalm 23. Und die Freude über die Rettung ist groß.

Der Schlusssatz des Gleichnisses lautet: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Für mich sperrt sich dieses Ende, denn das Schaf, das gefunden und gerettet wird, ist in der Geschichte als passiv beschrieben. Es macht nichts, dass der Hirte es entdeckt. Von Buße und Reue keine Andeutung.

Dieser Schlusssatz von der Freude über den reuigen Sünder passt wunderbar zu dem übernächsten Gleichnis, dem vom sog verlorenen Sohn. Dem geht offenbar in der Phase des Verlorenseins ein Licht auf und er kehrt um zu seinem Vater, was große Freude auslöst.

Die Schlusspointe, die Lukas hier formuliert, könnte aus seiner eigenen Feder stammen und ein Sprungbrett für den verlorenen Sohn darstellen. Auch hier ist Weiterdenken erlaubt. Ja, geboten.

Noch eine dritte mögliche Perspektive deute ich an. Da wäre der Vergleichspunkt noch mal der Hirte – der mir als Vorbild für mein Verhalten dient. Wenn ich als Hirte – und dabei können wir uns alle als Hirten angesprochen fühlen – unterwegs bin, ist es gut, wenn ich auf die verlorenen Schafe schaue. Die Verlorenen zu suchen und zu retten ist wichtiger als sich den 99 anderen vollständig zu widmen. Auch hier darf weitergedacht werden.

Nachdem wir die verschiedenen Gänge unserer Mahlzeit bis hierhin genossen haben, jetzt noch ein kleiner fruchtiger Nachtisch – oder vielleicht auch ein Espresso.

Was könnte das für uns als Gemeinde bedeuten? Wir warten auf den Messias – den kommenden guten Hirten, der wieder alles ins Lot bringt und als guter Hirte seiner Herde vorsteht. Wir freuen uns über alle, die zur Herde finden. Mit und ohne vorlaufende Suche.

Wir öffnen unsere Augen für die verlorenen Schafe und heben sie auf unsere Schultern, um sie zu retten. Gemeinsames Weiterdenken erlaubt und geboten.

Der Herr segne unser Denken und Tun.