Passagen
Deutsch-französischer Gottesdienst
Der deutsch-französische Gottesdienst am 10. Mai 2026 am Lorenzberg wagte Grenzgänge – musikalische und textliche. Es geht um große Fragen: Frieden und Freiheit. Es sangen der Chor SaaraBande unter Leitung von Amei Scheib und die Chorale du Parc aus Sarreguemines unter Leitung von Antony Weislinger. Die Predigt von Veronika Kabis kann man hier nachlesen.
Über die deutsch-französische Freundschaft, Frieden und Freiheit
aus Gustav Regler: Das Ohr des Malchus (1958)
Ostern zog er mit uns über die Felder und Hügel und lehrte uns „die wichtige Umgebung“ kennen, wie er es nannte: die scharfen Spuren der Rehe, flüchtig und nervös, den Bau der Füchse, das Nest der Drossel, den Flug des Bussards, die Sielen des wilden Ebers, den erfrischenden Sauerampfer, die Rinden von Tannen und Buche, den Lauf der Bäche, die Lilien der Teiche, die Schonungen.
Wenn wir dann „ganz am Anfang“ angelangt waren, wo es keine Geographie mehr gab, lenkte er wohl zur alten vielumstrittenen Grenze zwischen Deutschland und Frankreich hin und ließ uns an bestimmten Stellen Blumen pflücken oder das Fallobst von verschiedenen Bäumen probieren; unvermittelt fragte er uns: „Welcher Apfel ist französisch?“ Wir hielten die angebissenen Äpfel still vor unseren Mündern und sahen auf die Baumallee, die aus dem Unendlichen zu kommen schien und sich in das Unendliche fortsetzte.
Wir verstanden ihn früh: er glaubte nicht an Grenzen. Wir liebten sein alles in der Schwebe haltendes Weltbild ebenso wie seinen leisen Humor, und wir schlossen uns noch fester zusammen, um ihn vor den hässlichen Attacken der Außenwelt zu schützen.
Nicht an Grenzen glauben
Die deutsch-französische Freundschaft, l’amitié franco-allemande, das war das Credo, mit dem ich aufgewachsen bin. Für uns Kinder und Jugendliche in den sechziger und siebziger Jahren, die wir uns im Umfeld deutsch-französischer Schulen und Institutionen bewegt haben, war diese Freundschaft selbstverständlich. So sehr, dass wir manchmal die Augen verdrehten, wenn die Erwachsenen mal wieder auf dem Thema herumritten. Eine deutsch-französische Feindschaft konnten wir uns einfach nicht vorstellen.
Das änderte sich für mich im Herbst 1980, auf einer Küchenbank in Lothringen. Ich war siebzehn Jahre alt und besuchte für einige Monate ein Internat in Nancy. Die Wochenenden verbrachte ich bei Gastfamilien. Eine Klassenkameradin aus Épinal und ihre Eltern hatten mich freundlich aufgenommen. Wir saßen bei Tisch und plauderten. Ich glaube, es gab ein Cassoulet. Ich erinnere mich jedenfalls an einen großen Topf in der Mitte des Tisches. Nur eine Person schwieg beharrlich: die Großmutter. Selbst als ich sie direkt ansprach, wandte sie stumm den Blick ab. Nach dem Essen zog sie sich rasch in ihr Zimmer zurück. Die Mutter erklärte mir entschuldigend: „Weißt du, sie hat Schlimmes erlebt im Krieg. Sie spricht seither nicht mehr mit Deutschen. Sie kann nicht. Elle ne peut pas.“ Bis heute klingen mir diese vier Worte in den Ohren: Elle ne peut pas. Ich weiß nicht, was die alte Frau im Krieg erlebt hat. Aber es muss wohl so schlimm gewesen sein, dass sie eine innere Grenze aufgebaut hat, um sich zu schützen – selbst gegenüber einer ahnungs- und arglosen Siebzehnjährigen.
Diese Begegnung hat viel für mich geändert. Ich habe damals viel stärker damit begonnen, mich mit der deutsch-französischen Geschichte, mit dem Krieg und auch mit dem Holocaust zu beschäftigen. Ich habe Scham gefühlt und Trauer, und ich habe angefangen zu verstehen, warum es so wichtig ist, auch für die nachfolgenden Generationen, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass Krieg, Gewalt, Hass und Ausgrenzung nie wieder passieren. Warum Freundschaft nicht selbstverständlich ist, sondern aktiv aufgebaut und jeden Tag gelebt und gepflegt werden muss. Die deutsch-französische Freundschaft grenzt für mich seither an ein Wunder.
„Welcher Apfel ist französisch?“ Das fragt der Großvater die Kinder im Roman „Das Ohr des Malchus“, als sie miteinander zwischen den Obstbäumen entlang der Grenze umherschweifen. Und dann folgen diese wunderschönen Sätze: „Er glaubte nicht an Grenzen. Wir liebten sein alles in der Schwebe haltendes Weltbild.“
Menschen glauben an vieles: Geld, Besitz, Macht – und Grenzen. Grenzen, die sichern, die fernhalten und ausschließen. Sie glauben, dass es nicht anders geht, als Grenzzäune und Grenzwälle aufzubauen. Mit Lineal und Stift Grenzen auf Landkarten zu ziehen, die Völker und Familien auseinanderreißen und die Grundlage für jahrhundertelange blutige Konflikte schaffen.
Kann sein, dass es ohne Grenzen nicht geht. Grenzen, die ordnen und klare Verhältnisse schaffen. Grenzen, die das Chaos in Schach halten. Auch die biblische Schöpfungsgeschichte erzählt nicht zufällig in ihren Bildern davon, dass zunächst Ordnung ins Chaos gebracht werden musste: alles an seinen Platz – die Sterne an den Himmel, die Fische ins Wasser, Tag und Nacht fein säuberlich voneinander getrennt.
Grenzen in Kauf zu nehmen, gewissermaßen als notwendiges Übel, ist jedoch etwas anderes als an Grenzen zu „glauben“. Eine Grenze, die gar nicht mehr durchlässig ist, die sogar mit Waffengewalt gesichert wird, erfüllt nicht mehr nur eine ordnende Funktion. Sie grenzt ab, und sie grenzt aus.
Welcher Apfel ist französisch?
Welcher Apfel ist französisch? Auf welcher Seite der Grenze bin ich mehr oder weniger zufällig geboren? Welches Los in der Geburtsortlotterie habe ich gezogen?
Die Geschmäcker sind übrigens ein wenig verschieden in Frankreich und Deutschland, wenn es um Äpfel geht: In Frankreich werden mehr süßliche Äpfel (zum Beispiel Golden Delicious) gegessen, habe ich gelesen, in Deutschland mehr süß-säuerliche (wie Elstar). In Frankreich werden viel mehr verschiedene Sorten angebaut, als in Deutschland, nämlich bis zu 400, insbesondere in der Normandie. Dem einzelnen Apfel sieht und schmeckt man trotzdem nicht an, ob er an einem deutschen oder französischen Baum gewachsen ist.
Es gibt keine deutschen oder französischen Äpfel, und es gibt keine menschlichen Rassen. Die Genetik hat das Konzept von „Rassen“ widerlegt, da sich Menschen weltweit zu über 99,5 % genetisch gleichen. Hautfarbe oder andere äußere Merkmale sind lediglich Anpassungen an Umweltbedingungen und keine Basis für eine genetische Unterteilung. Die Unterscheidung von Menschen in „Rassen“ ist ein sozial konstruiertes Konzept ohne biologische Grundlage.
All das Wissen, all der Fortschritt haben nicht dazu geführt, dass mehr Frieden herrscht. Vielleicht noch innerhalb von Europa. Auch die deutsch-französische Achse hält noch immer, auch wenn es für heutige Generationen noch schwieriger ist als für uns Jugendliche von damals, die Bedeutung dieser Friedensachse zu ermessen. Aber schon an den europäischen Außengrenzen und erst recht global sind Kriege mit einer unglaublichen Wucht zurückgekommen. Sie haben sich auch in unsere Gespräche und in unsere Köpfe vorgearbeitet. Auf allen Kanälen werden wir gefüttert mit Kriegsnachrichten und Kriegswarnungen. Das ist unsere neue Normalität.
Krieg, Wehrdienst, gewaltfreie Lösungen von Konflikten, Umgang mit den kriegstreibenden Tyrannen dieser Welt: Auf all diese brennenden Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Es gibt aber eine persönliche Verantwortung, sich ernsthafte Gedanken über diese Fragen zu machen, statt einfache Lösungen zu suchen. Dazu gehört es, die eigenen Grenzen zu weiten, die Gedanken schweifen zu lassen, sich mit den Gedanken anderer auseinanderzusetzen und sich eine differenzierte Meinung zu bilden. Die Freiheit des Denkens zu bewahren, anderen zu gewähren und sie zu üben.
Über Grenzen gehen
Jede und jeder für sich muss etwas tun: Man muss in sich selbst spüren, wie sich die friedliche Überwindung von Grenzen anfühlt. Man muss am eigenen Leibe lernen, mit sprachlichen Grenzen und kulturellen Hürden umzugehen – und darf dabei die schöne Erfahrung machen, dass es oft möglich ist.
Ein „alles in der Schwebe haltendes Weltbild“ wie das des Großvaters in Gustav Reglers Roman bedeutet nicht, dass man einfach nur entscheidungsschwach oder gleichgültig ist. Nein, es bedeutet: die Mühe auf sich zunehmen, abzuwägen, Perspektiven offenzuhalten, die Dinge von allen Seiten zu betrachten.
Das ist allerdings das Gegenteil von dem, was wir heute erleben: Heute gilt es zu polarisieren, Weltbilder kompromisslos zu verfestigen, die eigene Bubble gegen andere dichtzumachen. Statt sich mit positiven Zielen zu solidarisieren, werden „Misstrauensgemeinschaften“ gebildet. Das Gefühl, auf der Verliererseite zu stehen und im eigenen Leben blockiert zu sein, sorgt bei vielen Menschen dafür, dass ihnen die Fähigkeit und Bereitschaft zur Differenzierung und zur Abwägung verloren geht. Stattdessen macht sich Zerstörungslust breit, etwa indem man rechtsextreme Parteien wählt, von denen man sich den großen Befreiungsschlag erhofft, oder indem man Kriege vom Zaun bricht.
Im Roman „Das Ohr des Malchus“ erlebt der Erzähler die Realität des Krieges nicht als heroischen Kampf, sondern als brutale, chaotische und oft widersprüchliche Erfahrung. Der Titel „Das Ohr des Malchus“ verweist auf eine biblische Szene: Ein Diener des Hohepriesters, Malchus, ist Teil der Gruppe, die Jesus im Garten Gethsemane festnehmen will. Simon Petrus zieht ein Schwert und schlägt ihm das Ohr ab. Jesus greift ein, weist die Gewalt zurück und heilt Malchus. Jesus stoppt also die Anwendung von Gewalt durch seine Jünger. Sein Weg soll nicht durch bewaffneten Widerstand verteidigt werden. Das Reich Gottes wird nicht mit menschlicher Macht oder Waffen durchgesetzt, sondern funktioniert anders.
Jesus handelt konsequent gewaltfrei. Er zeigt Barmherzigkeit selbst im Moment seiner eigenen Verhaftung, und er stellt Beziehung über Vergeltung. Einfach ist das alles nicht. Die Botschaft klingt geradezu naiv: den Weg der Gewaltfreiheit wählen. Den verletzten Gegner heilen anstatt die eigene Haut zu retten.
Wie steht die Evangelische Kirche in Deutschland eigentlich zum Krieg? Ihre Position zum Krieg ist (typisch protestantisch) weder strikt pazifistisch noch kriegsbefürwortend, sondern bewusst spannungsreich. Im Kern gilt: Ein gerechter Frieden ist das Ziel – aber um Menschen vor Gewalt zu schützen, kann in extremen Situationen auch militärische Gewalt notwendig und verantwortbar sein. Gewaltfreiheit im Sinne von Jesus bleibt der ethische Maßstab. Krieg soll möglichst verhindert werden. Zugegeben: Das klingt ein bisschen hilflos.
Ich glaube, das Mindeste, was jede und jeder selbst tun kann, ist, nach Frieden in sich selbst zu suchen und die eigene Fähigkeit zur konstruktiven Konfliktbearbeitung, zur Gelassenheit und zur Geduld zu schulen. Im Kleinen, bei sich selbst, anfangen, um aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt auszubrechen. Im eigenen Umfeld vormachen, was wir uns auch von der Politik weiter oben erhoffen.
Wie kann das gehen? Zum Beispiel, indem wir nicht aufhören, daran zu glauben, dass es etwas anderes als Hass und Gewalt gibt, sondern immer auch die Liebe und den Frieden. Dass wir also schon mal die Hoffnung nicht einfach aufgeben. Hilfreich ist es auch, wenn wir „nicht an Grenzen glauben“, sondern an die Überwindung von Grenzen. Wenn wir daran glauben, dass Grenzen nicht mehr sind als ein notwendiges Übel, und dass Grenzräume auch eine Einladung sind, Grenzerfahrungen zu machen: Sie erlauben es, den eigenen Horizont erweitern, das Hüben und Drüben in Kontakt zu bringen und zusammen etwas Sinnvolles zu tun.
So haben es diese zwei Chöre gemacht. Sie erleben und zeigen, wie deutsch-französische Freundschaft geht und wie Begegnung bereichert. Wir dürfen dankbar sein – und auch Dankbarkeit stärkt die Friedfertigkeit -, dass diese Chöre zu uns gekommen sind und uns mit ihrem Friedensprojekt so wunderbar berühren.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.