KI und Kirche
Predigt: Prüfet und behaltet
Rundfunkpfarrer Jörg Metzinger
Einstieg
Ein Mensch aus Haut und Metall, ein Kreuz auf der Brust, ein Display: „Die KI sei mit dir!“ Das Bild ist KI-generiert. Damit habe ich für meine Christliche Sicht im SR-Fernsehen geworben. Und es ist auf dem Plakat mit der Ankündigung für diesen Gottesdienst.
Schon damals im Fernsehen habe ich gefragt: Was wäre, wenn die Worte, die ich jetzt spreche, komplett von einer Künstlichen Intelligenz geschrieben wären?
Ich bin Pfarrer, aber eben auch nur ein Mensch. Manchmal faul. Manchmal in Zeitnot. Manchmal schlicht unkreativ. Warum also nicht die Maschine machen lassen? Ja, warum eigentlich nicht?
In den Kirchen wird das gerade heiß diskutiert. Es gibt Video-Telefonate mit einem Jesus-Avatar und KI-generierte Predigten. Aber es gibt auch eine harte kirchliche Ablehnungsfront, die Alarm schlägt: alles seelenlos, kein Spirit, nur digitaler Eintopf.
Ich möchte heute keine von beiden Fronten bedienen. Ich möchte tun, was Paulus empfiehlt: Prüfet alles, und das Gute behaltet. Und weil man nur prüfen kann, was man kennt, in drei Schritten: Staunen, Prüfen, Behalten.

1. Staunen
Für mich sind Gemini und Co. ein Werkzeug. Früher war es das dicke Lexikon im Regal, heute ist es der schlaue Algorithmus. Und es hilft mir an einer Stelle ganz besonders: wenn ich automatisch mal wieder in eine Sprache rutsche, die selbst sehr kirchlich geprägte Menschen kaum verstehen.
Manchmal ist das, was KI liefert, erstaunlich gut. Manchmal ist es aber auch völlig daneben.
Und noch etwas. Unsere Kirche kämpft mit schrumpfenden Ressourcen: Budgetkürzungen, Pfarrermangel, Stress an allen Ecken. Wenn die KI mich beim Schreiben entlastet, gewinne ich genau das, worauf es ankommt: Zeit fürs Eigentliche. Zeit für Sie. Für Gespräche von Mensch zu Mensch.
Die Bibel hat übrigens keine Berührungsangst vor Technik. In 2. Mose 31 erfüllt Gott einen Handwerker mit seinem Geist: mit Weisheit, mit Verstand, mit Kunstfertigkeit für alle Arbeit. Nicht einen Priester, einen Handwerker. Warum nicht die Programmierer der KI-Plattformen?
2. Die lange Geschichte der kirchlichen Angst
Aber: Das Neue macht misstrauisch. Und Angst.
Ich erzähle eine Geschichte aus Hamburg. 1750 schlägt ein Blitz in den Turm der Michaeliskirche. Er fängt Feuer, stürzt ins Kirchenschiff, und von der Kirche bleiben nur die Grundmauern. Knapp zwanzig Jahre später kommt ein Arzt aus England zurück. Er hat dort etwas Neues gesehen: eine Eisenstange, die den Blitz sicher in die Erde ableitet. Er will sie an der Jacobikirche ausprobieren. Der Hauptpastor ist wenig begeistert. „Alle Blitze und Schläge hat der Herr abgemessen“, sagt er. Eiserne Stangen als Eingriff in Gottes Herrschaftsbereich.
Und die Kirchenvorsteher? Sie verbieten nichts, und sie jubeln auch nicht. Sie beschließen: Der Allerhöchste ist zwar der beste Beschützer, aber weil es wenig kostet, nehmen wir guten Rat an. Ein Jahr später steht die Stange. 1792 haben alle Hamburger Hauptkirchen eine.
Und jetzt kommt das Wort, das ich der KI verdanke: Ketzerstange. Ich wollte es nachprüfen, wie es sich gehört. Und tatsächlich: Der Göttinger Physiker Georg Christoph Lichtenberg schreibt im Göttinger Taschen Calender für das Jahr 1779 über einen Blitzableiter am Dom von Siena. Dort, sagt er, gab es „ungläubige Murrköpfe“, die den Stangen sogar den Namen Ketzerstangen gaben. Und dann schreibt er mit trockenem Humor: „Am 18. April 1777 wurde unsere Kathedrale durch eine Ketzerstange vor dem Blitz und seinen fürchterlichen Folgen geschützt.“
Die Ketzerstange hat den Dom gerettet. Ja, was hat die Kirche nicht alles verteufelt, worüber wir heute den Kopf schütteln.
3. Prüfen
Paulus sagt: Prüfet alles. Ein Sprichwort sagt: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wo die KI erleuchtet, da gibt es auch dunkle Stellen. Es gibt KI-generierte Bilder, die täuschend echt sind und doch Lügen erzählen. Vorurteile aus Daten werden in Entscheidungen verwandelt.
Eine freundliche Stimme, die nachts um drei immer da ist, immer geduldig, immer klug klingend, und die mich doch nicht kennt.
Es gibt Macht und Geld in wenigen Händen, die sich der KI-Kräfte bedienen, um zu manipulieren. Die Bibel hat dafür starke Bilder. Psalm 115 spottet über die Götzen: „Sie haben einen Mund und reden nicht.“ Die KI redet. Das ist neu. Aber sie ist nicht Gott und auch kein Mensch. Wo ich ihr blind vertraue, da mache ich sie allerdings dazu. Götzendienst.
Nüchterne Besonnenheit statt trunkene Begeisterung. Wie die Hamburger damals mit dem Blitzableiter. Deren Antwort war weder Verbot noch Begeisterung, sondern Erdung. Ein Blitzableiter hält den Blitz nicht auf, er leitet ihn sicher ab. Die Kraft ist da. Die Frage ist, wohin sie fließt. Erdung heißt im übertragenen Sinn: Ehrlichkeit, wo wir die KI-Hilfe nutzen. Regeln, die schützen. Auch die Kirche arbeitet an Leitlinien dafür. Und, auch das sagt Lichtenberg: Man soll bei der Sache nicht knausern und sie Menschen anvertrauen, die etwas davon verstehen. Das gilt für Blitzableiter, und es gilt für KI.
Wer sie nutzt, muss sein Handwerk selbst beherrschen und wissen, was er sagen will. Sonst fehlt der Maßstab zum Prüfen.
4. Behalten
Und was behalten wir? Was bleibt, wenn die KI alles schreiben kann?
Erstens: dass kein Mensch letztlich berechnet werden kann. Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild.
Zweitens: dass Weisheit mehr ist als Information. Salomo bittet Gott nicht um Wissen, sondern um ein hörendes Herz. Information kann man abrufen. Ein hörendes Herz – das kann keine KI generieren.
Drittens: die Liebe. Paulus sagt im ersten Korintherbrief: Wenn ich alle Erkenntnis hätte und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. KI kann vieles. Aber sie kann nicht am Krankenbett sitzen. Sie kann nicht trösten.
Viertens: Verantwortung bleibt beim Menschen. Bonhoeffer hat gesagt, dass Gott auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet. Nicht auf perfekte Texte. Auf verantwortliche Taten.
Am Ende ist es wie so oft im Leben. Prüfen heißt nicht: Hab Angst. Prüfen heißt: Du darfst neugierig sein, weil du dich nicht verlieren kannst. Du bist gehalten.
Die KI sei mit dir: als Werkzeug, mit Vorsicht und mit Verstand. Aber Gott ist mit dir, in jeder Lage, auch wenn der Akku leer ist und das Netz ausfällt.
Amen.