Beim Barte des Propheten
Predigt zum Propheten Jeremia – angeregt durch seine Berufung (Kapitel 1) und einer Konfession (Kapitel 20); Sonntag, 3. Mai 2026, Ev. Kirche Schafbrücke
Pfarrer i.R. Stephan Hüls
Jeder Prophet ist anders
Beim Bart des Propheten – was sind das eigentlich für Typen? – diese Propheten. Dem vielfachen Wunsch einer einzelnen Dame komme ich gerne nach und versuche einen erhellenden Blick auf die Propheten zu werfen. Jeder Prophet ist anders. Sie kommen aus unterschiedlichsten Berufen und sozialen Schichten. Bei manchen erfährt man Dinge aus deren Familien und bei anderen fast gar nichts. Obwohl damals die Männer das gesellschaftliche Bild dominierten, sind dennoch einige wenige Prophetinnen bis in den biblisch überlieferten Text gekommen. Das macht im Umkehrschluss deutlich: Es wird etliche prophetische Frauen gegeben haben.
Allgemeine Überblicke können verwirren, weil sie zu viel aufzeigen. Daher konzentriere ich mich auf einen ausgewählten Propheten, um an ihm beispielhaft Markantes eines Propheten in den Blick zu bekommen. Und auch bei Jeremia, den ich ausgewählt habe, gilt es sich zu beschränken.
Bei den meisten Propheten ist eine sogenannte Berufung überliefert. Also ein Ereignis, bei dem Gott einem Menschen gegenübertritt, zu ihm spricht – und ihm dabei oft etwas zeigt – und ihm einen Auftrag erteilt, was er seinen Mitmenschen mitteilen oder zeigen soll. Manche springen sofort darauf an, lassen sich also berufen, andere wehren sich mit Händen und Füßen dagegen. Das Wehren nützt meistens nichts, weil Gott sehr penetrant sein kann.
Berufung
Die alttestamentlichen Schriften benutzen einen kurzen Signalsatz, wenn Gott einen Menschen beruft, bzw. ihm einen Auftrag erteilt. Dann heißt es: Es geschah das Wort des Herrn an … Schauen wir uns das bei Jeremia an:
„Worte Jeremias, des Sohnes Hilkijas, von den Priestern in Anatot im Land Benjamin, zu dem das Wort des HERRN geschah in den Tagen Josias, des Sohnes Amons, des Königs von Juda, im dreizehnten Jahr seiner Regierung. Und es geschah auch in den Tagen Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, bis zum Ende des elften Jahres Zedekias, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, bis zur Wegführung Jerusalems im fünften Monat. Und das Wort des HERRN geschah zu mir so: Ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt, und ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt; zum Propheten für die Nationen habe ich dich eingesetzt. Da sagte ich: Ach, Herr, HERR! Siehe, ich verstehe nicht zu reden, denn ich bin zu jung.
Der HERR aber sprach zu mir: Sage nicht: Ich bin zu jung. Denn zu allen, zu denen ich dich sende, sollst du gehen, und alles, was ich dir gebiete, sollst du reden. Fürchte dich nicht vor ihnen! Denn ich bin mit dir, um dich zu retten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an, und der HERR sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich habe dich an diesem Tag über die Nationen und über die Königreiche bestellt, um auszureißen und niederzureißen, zugrunde zu richten und abzubrechen, um zu bauen und zu pflanzen. Und das Wort des HERRN geschah zu mir: Was siehst du, Jeremia? Und ich sagte: Ich sehe einen Mandelzweig. Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich werde über meinem Wort wachen, es auszuführen.
Gegenwind und Gegenrede
Es beginnt mit einer genauen historischen Einordnung Jeremias Wirksamkeit. 627 – 587 v.Chr. Das letztgenannte Jahr ist die Zerstörung Jerusalems mitsamt dem Tempel durch die Babylonier und die Wegführung der Oberschicht ins Land der Eroberer. Eine Zeitspanne von 40 Jahren. In der Bibel ist das oft ein symbolisch langer Zeitabschnitt. Es ist politisch betrachtet eine hochbrisante Zeit, in der es auch etliche militärische Angriffe gibt. Jeremia mischt sich mit theologischen Begründungen in dieses politische Geschehen ein und trifft nicht den mainstream. Deshalb bekommt er viel Gegenwind von den politisch Aktiven.
Kommen wir zum persönlichen Austausch zwischen Gott und Jeremia. Gott sagt zu Jeremia: Ich habe dich von Mutterleib an erwählt. Das kann aufbauend und ermutigend sein. Dann wird der Satz verstanden als Zusage Gottes. Der Prophet wird innerlich gestärkt und denkt: Ich gehöre zu Gott. Gott kann mich gebrauchen. Er schützt mich. Diese Formulierung kann aber auch auf mich einstürzen und mich bedrängen. Der Prophet denkt: Ich hätte vorher gefragt werden wollen, ob ich mein Leben mit diesem Gott gestalten will.
Jeremia wehrt sich gegen den Anspruch Gottes und wendet ein: Ich bin noch total jung und außerdem bin ich sprachlich völlig unbegabt. Reden ist überhaupt nicht mein Ding. Gottes Antwort: Jeremia, deinen Widerspruch kannst du dir sparen. Ich habe das alles schon eingefädelt. Du kriegst die passenden Worte direkt von mir geliefert. Ich spreche direkt durch dich.
Zusage
Eine solche Zusage Gottes kann wohltuend und stärkend sein. Der Prophet kann denken: Ich brauche mir keine Gedanken machen, ob ich Gottes Verkündigung richtig formuliere – ich treffe auf jeden Fall den richtigen Ton, weil Gott selbst ja durch mich spricht. Eine solche Aussage Gottes kann aber auch sehr bedrängend und verstörend sein. Egal, ob du willst oder nicht lieber Prophet, ich, Gott, werde durch dich sprechen. Du hast keine Wahl, ich werde durch dich mein Wort an die Menschen richten.
Da benötigt man als Mensch schon eine immense psychische Robustheit, um damit klar zu kommen. Jeremia scheint sie nicht durchgehend gehabt zu haben. Gott scheint klar verständliche Worte an Jeremia gerichtet zu haben. Solche Klarheit wünschen sich heute Menschen auch. Nicht unbedingt so bedrängend wie bei Jeremia – aber mal klare Kante.
Dieser Einschätzung, der man vordergründig natürlich zustimmen muss, möchte ich aber dennoch etwas entgegenhalten. Ist uns nicht allen Gottes Vorstellung bewusst, dass er gegen Krieg, gegen Bombardierungen und Gewalt in Familien ist. Und bleiben uns nicht oft die im Kopf klaren Worte im Hals stecken, wenn wir Stellung beziehen wollen zu Diskriminierungen im Kollegen- und Bekanntenkreis. Wo sind unsere Worte, wenn manche den starken Mann fordern, der alles wieder in Ordnung bringt – auf Kosten der Schwachen in unserer Gesellschaft? Die oft wider besseres Wissen einfach nur als faul hingestellt werden.
Bedrängnis und Bewahrung
Wir könnten wie Jeremia den Mund auftun. Und wir würden wie Jeremia den Widerstand von den Besserwissern in unserem Umfeld zu spüren bekommen. Des Herrn Wort geschieht ähnlich wie damals an uns. Und wer es annimmt und ausspricht, erfährt ähnliche Bedrängnis wie Jeremia. In der Berufungsvision ist Gott mit Jeremia nicht nur im Gespräch, er zeigt ihm auch etwas. Einen blühenden Mandelzweig. Im Hebräischen ist da ein Wortspiel im Hintergrund. Der Mandelbaum klingt so ähnlich wie wachen, erwachen. Und das lässt sich auch verstehen. Der Mandelbaum ist der erste, der im Frühjahr zu blühen beginnt und er kann dadurch über die anderen, die danach zu blühen beginnen, ein wachsames Auge haben. So wird auch Gott ein wachsames Auge darauf haben, dass sein Wort geschehe.
Was hat das prophetische Wirken mit Jeremia gemacht? Schauen wir in ein sogenanntes Bekenntnis von Jeremia hinein, das am Ende eines literarischen Abschnittes des Jeremia Buches in Kapitel 20 steht: „HERR, du hast mich betört, und ich habe mich betören lassen. Du hast mich ergriffen und überwältigt. Ich bin zum Gelächter geworden den ganzen Tag, jeder spottet über mich. Ja, sooft ich rede, muss ich schreien, »Gewalttat« und »Zerstörung« rufen; ja, das Wort des HERRN ist mir zur Verhöhnung und zur Verspottung geworden den ganzen Tag. Doch sooft ich mir sage: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen reden, wird es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen. Und ich habe mich vergeblich abgemüht, es weiter auszuhalten, ich kann nicht mehr! (…)
Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren wurde; der Tag, an dem meine Mutter mich gebar, sei nicht gesegnet! Verflucht sei der Mann, der meinem Vater die frohe Botschaft brachte und sagte: »Ein Sohn ist dir geboren«, und der ihn damit hoch erfreute! Dieser Mann werde den Städten gleich, die der HERR umgekehrt hat, ohne es zu bereuen! Und er höre Geschrei am Morgen und Kriegsgeschrei zur Mittagszeit, weil er mich im Mutterleib nicht schon getötet hat, so dass meine Mutter mir zu meinem Grab geworden und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäre! Wozu nur bin ich aus dem Mutterleib hervorgekommen? Um Mühsal und Kummer zu sehen? Und dass meine Tage in Schande vergehen?“
Dankbarkeit und Vertrauen
Der Prophet Jeremia ist von Gott berufen worden. Er hat sich erfolglos dagegen gewehrt. Er hat den Mächtigen seiner Zeit Gottes Willen gesagt. Er ist dafür geschlagen worden, er ist in das Folterwerkzeug des Blocks gespannt worden und bloßgestellt worden. Er war am Ende – menschlich, psychisch, körperlich. Der Suizid steht ihm als Ausweg vor Augen. Das anfängliche Bild der Berufung von Mutterleib wird hier wieder aufgegriffen. Und Jeremia verhöhnt es. Er fühlt sich von Gott verlassen und verraten. Kann ihn aber nicht loslassen.
Das Prophetische kommt uns hier in der Gestalt des Jeremia in potenzierter Gestalt entgegen. Wie ein Extrakt. Vielleicht ist Jeremia wie Hiob keine historische, sondern eine literarische Gestalt. Umso mehr kann es unsere eigenen kleinen prophetischen Erfahrungen ansprechen. Prophetsein beginnt damit, dass ich von Gott angesprochen werde. Die mir zugesagte Liebe hat zur Folge, dass ich diese Liebe weitergeben will. Das Gefühl, von Gott versorgt zu sein, löst Dankbarkeit aus, die auch andere Menschen versorgen will. Das Erleben von Bewahrung lässt das Vertrauen in Gott wachsen. Von diesem Fundament her, das Gott in mir angelegt hat, kann ich nicht mehr nur an mich selbst denken, kann ich z.B. Menschen, die vor Gewalt fliehen, nicht mehr zurückweisen.
Das ist aber eine Haltung, die viele Menschen nicht mehr mit mir teilen. Es ist nicht mainstream. Somit kommt es zu Spannungen und Auseinandersetzungen. Widerstand schlägt mir entgegen. Das, was wir hier im Kleinen spüren, hat Jeremia im Großen erlebt. Wer Gottes Zusage und Gottes Auftrag hört und das lebt, darf sich von Gott begleitet wissen. Er wird erfahren, dass die Welt noch nicht der Himmel auf Erden ist. Die Wurzel des Vertrauens muss immer wieder gesucht werden, um die erste Liebe wieder neu zu beleben und die tägliche Verzweiflung zurück zu drängen.
Gott helfe uns dabei. Amen.