Nahrung für die Seele

Was tut der Seele gut? Und was macht Seelsorge aus? Darum ging es im Gottesdienst „SOUL FOOD. Nahrung für die Seele“ am 16. August 2026. Die Predigt hielt Veronika Kabis.

Nahrung für die Seele
(über Lukas 10, 25-28)

Duftender Milchreis, Grießbrei mit Zucker und Zimt – oder lieber eine cremige Suppe oder ein herzhafter Kartoffelauflauf? Als Soul Food oder Seelennahrung gelten hierzulande meist Gerichte, die an die Kindheit erinnern und den Körper wohlig wärmen. Doch die im Gehirn ausgelösten Glücksgefühle dauern bei den zuckersüßen und cremigen Rezepturen nur kurz an. Das Glück ist mit Vitaminen und Ballaststoffen jedenfalls von längerer Dauer.

Ich war überrascht zu lesen, wo der Ursprung der echten Soul-Food-Küche liegt. Sie geht nämlich zurück auf das Elend versklavter Menschen im amerikanischen Süden. Die Sklavenhalter gaben den Versklavten nur billige Grundnahrungsmittel wie Maismehl, Reis und Bohnen sowie Fleischteile, die sie selbst nicht essen wollten: Innereien, Schweinefüße oder Hühnerflügel. Um den Speiseplan zu ergänzen, bauten die Menschen Gemüse und Kräuter an. Durch starkes Würzen und Frittieren machten die Köche aus einfachen Mitteln schmackhafte Mahlzeiten.

Der Ausdruck „Soul Food“ hat sich schließlich in den 60er-Jahren während der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung etabliert. Er erinnert also auch an eine schmerzvolle Geschichte der Unterdrückung. Es ist eine Geschichte über Nahrung, die gerade nicht für Wohlfühlmomente im Wohlstand steht, sondern für Widerstand und Stolz.

Die Seele widerstandsfähiger machen

Nahrung für die Seele. Auch wir brauchen sie, um die Seele widerstandsfähiger zu machen in einer herausfordernden Zeit. Nahrung für die Seele – und Ruhe für das Herz. Eins – zwei – drei – vier – fünf. Ich atme fünf Sekunden lang ein und richte meine Aufmerksamkeit auf mein Herz. Eins – zwei – drei – vier – fünf. Ich atme fünf Sekunden lang aus. Dann von vorne. Gleichmäßig ein und aus, sechs Atemzüge pro Minute, mehrere Minuten lang. Ich spüre, wie ich innerlich ins Gleichgewicht komme und mir Luft verschaffe.

Ich mache diese Herzkohärenz-Übung beim Gehen, und ich mache sie auch, wenn mir drumherum alles zu viel wird: die anstrengenden Diskussionen in einer Sitzung, das Stimmenwirrwarr im Zug oder Bus, die schlechten Nachrichten im Fernsehen. Einatmen, ausatmen. Manchmal verbinde ich diese Atemtechnik auch mit einem Meditationswort: „Du in mir.“ Einatmen. „Ich in dir.“ Ausatmen. Worte Jesu aus dem Johannesevangelium. Sie helfen mir, die Verbindung zu Gott zu halten, wenigsten versuche ich es.

Der Atem beruhigt mein Herz. Nährt er auch meine Seele? Wie hängen Herz und Seele im christlichen Glauben überhaupt zusammen? Herz und Seele bilden, so heißt es, zusammen das innerste Zentrum des Menschen. In der Bibel ist das Herz nicht nur der Ort der Gefühle, sondern auch der Ort des Denkens, Wollens und Entscheidens. Das Herz ist gewissermaßen das Steuerzentrum. Die Seele wiederum bezeichnet das gesamte lebendige Wesen und den Atem, den Gott dem Menschen einhaucht. Im Herzen entscheidet der Mensch, ob er seine Seele für Gott öffnet. Wenn das Herz unruhig ist, leidet die Seele; ist die Seele gesund, findet das Herz Frieden.

Gott lieben mit Herz und Seele

Von Jesus wird folgende Begebenheit berichtet (Lukas 10, 25-28): „Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben!“

Liebe Gott mit ganzem Herzen und ganzer Seele: Im Herzen treffen wir die Entscheidung für Gott, und unsere Seele, unser gesamtes lebendiges Wesen wird dann von Gott erfasst.

Diese theologischen Vorstellungen von Herz und Seele bleiben letztlich Bilder, sie sind ein Versuch, unser Dasein in der Welt, unsere Beziehungen zu anderen Menschen, zu uns selbst, zu unserer Umwelt und zu Gott zu beschreiben. Während die Seele theologisch als tiefster Wesenskern und geistiges Zentrum des Menschen betrachtet wird, ist sie in der heutigen Psychologie meist ein Sammelbegriff für das innere Erleben und die psychischen Prozesse eines Menschen. Die Philosophie wiederum fragt seit Jahrtausenden: Ist die Seele vom Körper getrennt? Oder ist sie identisch mit dem Bewusstsein? Kann sie ohne Gehirn existieren? Fragen über Fragen, auf die es immer wieder nur Annäherungen geben kann.

Was tut gut?

Ob man sich der Seele theologisch, psychologisch oder philosophisch nähert: Immer stellt sich die Frage, was der Seele guttut, wie sie gesund bleibt oder wieder gesund wird. Hier sind oft Profis gefragt: Psychologinnen, Ärzte, Lebensberaterinnen, Seelsorger. Es ist wichtig, dass gut ausgebildete Menschen diese Aufgaben übernehmen. Aber es gibt auch vieles, was jede und jeder selbst an Gutem für die eigene Seele tun kann.

Was tut gut? Ich fange mit dem Schwierigsten an: Das Handy weglegen. Wie bei allen anderen Aktivitäten mit Suchtpotenzial verschaffen Scrollen, Posten oder Spielen an digitalen Geräten nur kurzfristigen und scheinbaren Genuss. Das wahre Seelenfutter liegt im Gegenteil: im langsamen Lesen und Schreiben, im Reden mit echten Menschen, im Wahrnehmen mit allen Sinnen. Die Seele braucht digitale Erholung.

Nicht zu viel auf einmal machen. Eines nach dem anderen und gut geplant. Single-Tasking statt Multi-Tasking. Ich habe das letztes Jahr in der Reha-Klinik sehr zu schätzen gelernt: Das Tagesprogramm war zwar voll, aber es hatte eine klare Struktur mit festen Essenszeiten, festen Tischgruppen, einem Wechsel aus Alleinsein und Gruppe. Auf einmal war wieder Ordnung in meinem Leben. Ich bemühe mich seither, das beizubehalten, so gut es irgendwie geht. Nicht nur der Umfang der Aufgaben, sondern auch die Art und Weise, wie ich sie in meinem Alltag anordne, bestimmt, ob meine Seele zur Ruhe kommt.

Ich brauche niemandem zu erzählen, wie wohltuend die folgenden Dinge sind: Spaziergänge in der Natur, Gespräche mit Freundinnen und Freunden, Musik hören oder Musik machen, Kreativität aller Art, sinnvolle Arbeit, gute Beziehungen und guter Schlaf. Das meiste weiß man, und trotzdem bleibt es eine lebenslange Aufgabe, am Guten für sich und andere zu arbeiten. Ein wenig besser gelingt es, so mein persönlicher Eindruck, mit zunehmendem Alter und damit verbundener Gelassenheit.

Seelsorge in der Gemeinde

Vieles von dem, was ich genannt habe, kann jede und jeder für sich alleine oder im kleinen Kreise tun. Was aber können wir darüber hinaus als Gemeinde füreinander tun? Wir können wir für die Seelen der anderen sorgen?

Im traditionellen Aufbau einer Kirchengemeinde sind in erster Linie Pfarrerinnen und Pfarrer für die Seelsorge zuständig. Im besten Fall sind sie dafür gut ausgebildet. Was aber, wenn, wie hier, kein hauptamtlicher Pfarrer mehr da ist? Ich habe in den letzten Jahren eine interessante und schöne Beobachtung gemacht. In dem Maße, wie die Zentriertheit auf eine einzelne Person schwindet, beginnen die Menschen, wieder mehr aufeinander und nacheinander zu schauen. Es beginnt eine Art seelsorglicher Verantwortungsübernahme füreinander. Wir können hier am Lorenzberg zwar keine klassischen Aufgaben wie Besuchsdienste mehr leisten, aber mir scheint, dass wir gut in Kontakt miteinander und offen für Neue sind. Das Bedürfnis zu reden, sich auszutauschen oder sich auch mal untereinander Rat zu holen, ist ungebrochen. Vieles davon setzt keine Seelsorgeausbildung voraus. In den Fällen, in denen professionelles Handeln gefragt ist, kommen die Personen ins Spiel, die zum aktiven Kreis der Gemeinde gehören und seelsorgliche Zusatzqualifikationen besitzen. Das sind erstaunlich viele. Auch indem wir die Gottesdienste auf viele Schultern verteilen und einander gute Gedanken, Mut und Segen zusprechen, sorgen wir für eine geteilte Seel-Sorge.

Für mich ist das immer wieder ein kleines Wunder. Man muss hier, in dieser Gemeinde, nicht alleine bleiben, wenn es mal schwer wird – ja sogar, wenn es ans Sterben geht. Wir versuchen, so gut es irgendwie geht, für unsere eigenen Seelen und die der anderen zu sorgen. Wir bemühen uns – wenn auch manchmal suchend und wankend – auf dem Weg zu bleiben, den Jesus uns gezeigt hat: „Du sollst Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.