Die Kinkels

Freiheit, Liebe, Dichtung und Musik

Die Biografie eines Ehepaares des 19. Jahrhunderts, das seiner Zeit weit voraus war, stand im Mittelpunkt eines Gottesdienstes von und mit Peter K. Sorg am 13. September in der Evangelischen Kirche am Lorenzberg in Saarbrücken-Schafbrücke.

Ein unkonventionelles und schöpferisches Paar 

Herzlich willkommen zu diesem Biografie-Gottesdienst hier auf dem Lorenzberg. Es geht um ein Ehepaar aus dem 19. Jahrhundert. Johanna und Gottfried Kinkel. Sie eine Musikerin und Dichterin, die auch in Musikerkreisen eher unbekannt ist, er Theologe und nicht minder poetisch begabt. Beide waren sie aktiv im Maikäferbunde, einer poetischen Vereinigung in Königswinter am Fuße des herrlichen Siebengebirges bei Bonn. Dort steht heute ihr Denkmal.

Aber warum widmen wir uns am Lorenzberg, wo wir eher dem Geist der Zeit nachspüren, einem so abseitigen Thema, verborgen im Orkus der Geschichte?

Nun, ich wurde darauf aufmerksam über die Musikstunde auf SWR 2. Da widmet man sich mit Aufmerksamkeit vergessenen Komponistinnen. Johanna ist ein von ihnen. Beim tieferen Recherchieren wurde mir schnell klar: Die Kinkels waren zwei, die ihrer Zeit weit voraus waren. Zwei, die zu ihrer Liebe standen, die ein Skandal war, zwei, die in Zeiten der 1848er Revolution für Freiheit und Demokratie kämpften und die Rache der monarchischen Reaktion zu spüren bekamen, das hieß „Todesurteil“. Zwei, die bei aller Härte eines Emigrantenschicksals dichtend und musizierend kreativ blieben.

Zwei fortschrittliche Christen. Sind die es nicht wert, noch einmal unter uns zu treten in szenischer Fantasie? Damit das gelingen möge, haben wir hier ein kompetentes Team: Anna Major singt Lieder aus Johannas Feder und wird dabei begleitet von der vertrauten Marina Kavtaradze, Willi Fries, Schauspieler und Rezitator, wird gemeinsam mit Simone Fischer-Sorg dem Paar hörbar Stimme verleihen. Und ich freue mich, durch den Morgen führen zu dürfen. Uns allen eine inspirierende Stunde!

1. … ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir …
Unglückliche Ehe & zarte Bande

Peter:

Das Leben schlägt manchmal Kapriolen. So war es auch beim späteren Ehepaar Kinkel. Da kamen zwei zusammen, die eigentlich unmöglich zusammenkommen konnten. Es ist die ausgehende erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Rheinland. Königswinter, Oberkassel, das Siebengebirge im Hintergrund, eine Stunde ist es mit der Kutsche nach Bonn zu Münster und Universität.

Rheinromantik pur. Das heißt, die wird gerade erfunden. Teils mit nationalistischem Grundakkord, teils unter Fanfarenklängen zu Freiheitshymnen. Es ist eine Zeit zwischen Um- und Aufbruch auf der einen Seite und zementierten Normen. Geschriebenen, wie Ungeschriebenen. Eine Zeit absoluter Spaltung – genau wie heute.

Da lernen sich im blühenden Bonner Gesellschaftsleben zwei kennen, die ganz sicher nicht füreinander bestimmt waren. Auf den ersten Blick. Doch hören wir selbst:

Gottfried: 

Sie fiel mir sofort auf, die Madame Mathieux, geborene Mockel. Ein weibliches Wesen mit solchem Esprit war mir noch nie begegnet. Unsere Unterhaltung war ein Parforceritt durch Dichtung und Musik, aber auch dem Streben nach einem einigen Vaterland ohne Monarchie. Unser Traum war die Demokratie in einem Deutschland ohne tausende von Zollstationen.

Wir warfen uns die Gedichtverse nur so zu: Freiligrath, Geibel, eigene. Ich hatte eine Seelenverwandte gefunden. Da war auch noch ein bisschen mehr, das spürte ich. Aber das durfte nicht sein!

Johanna:

Was hat er mich angestrahlt, der junge Herr Kinkel. Ein hübscher Mittzwanziger und schon Privatdozent der evangelischen Theologie. Na, meinem Freiheitsdrang hat ja der Protestantismus schon immer mehr entsprochen als der Katholizismus – aber als Bonner Bürgermädchen war man nun einmal katholisch und quasi mit Rheinwasser im Münster getauft. Verlobt war er auch schon, der Herr Lizenziat. Und fünf Jahre jünger als ich. Fünf! Quel scandale! Aber als wir uns unterhielten, da strahlten die Geistesblitze nur so auf. Musik, Dichtung, Freiheit. Das war alles eins.

Da hatte sich einer von seinen kraftsaugenden pietistischen Wurzeln freigemacht und war ein gebildeter Theologe geworden und gleichzeitig voller Poesie und Klang. Ich hatte einen Seelenverwandten gefunden. Da war auch noch ein bisschen mehr, das spürte ich. Aber das durfte nicht sein! Auch ich war gebunden. Zwar in Trennung lebend, nachdem mich meine lieben Eltern dank eines ärztlichen Attests aus dem Ehegefängnis des Monsieur Mathieux befreit hatten. Doch der verweigerte die Scheidung jahrelang.

Als er endlich nachgab, begannen die gesetzlich vorgeschriebenen Trennungsjahre. Drei Jahre! Drei! Einst hatte ich mich dem gesellschaftlichen Druck zu heiraten gebeugt und ihn genommen, da ich glaubte, er sei der „genießbarste von allen Miserablen“, gebildet, fromm und langweilig.

Und ein Sadist. Das stellte sich aber erst nach der Eheschließung heraus. Ein Tyrann im Schafspelz. Nach der Trennung dachte ich nicht im Geringsten daran, mich noch einmal zu binden. Ich wollte wieder reisen, wie zu Mendelssohn nach Frankfurt, oder zu den Arnims und Brentanos nach Berlin. Das hatte ich ohne die schriftliche Erlaubnis von Monsieur getan und bin heute noch froh, nicht verhaftet worden zu sein. Aber für die Freiheit und künstlerische Anerkennung, die ich dort genoss, hat es gelohnt. Aber nun ging mir der Herr Kinkel nicht mehr aus dem Sinn.

Peter:

Die beiden trafen immer wieder aufeinander. Doch alle Zuwendung blieb platonisch bis zum 14. September 1840. Nach einem fröhlichen Fest beschloss man, mit einem Ruderboot über den stockfinsteren Rhein zu setzen. Es war die Zeit erster Dampfschiffe, und ein solches sollte dem Nachen zum Verhängnis werden.

Johanna:

Meine Mutter, die gute Madame Mockel, war voller Sorge und riet uns ab. Aber Gottfried, vom Rheinwein befeuert, ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Als wir schon fast am gegenüberliegenden Ufer angelangt waren, hörte ich das Stampfen der Dampfmaschine und zugleich erreichten uns die Bugwellen. Wie eine Nussschale wirbelte der Kahn auf den Wellen und kenterte. Wasser schlug über mir zusammen. Schwarz.

Mein Leben zog in Sekunden an mir vorbei. Das ist der Tod, wurde mir klar. Doch da spürte ich zwei starke Arme um meinen Leib, wenige Schwimmstöße, und wir waren am Ufer. Gottfried zog mich empor. Aus meinen zahlreichen Röcken schoss das Wasser.  Aus meinen Augen ebenso.

Gottfried:

Ich dankte meinem Schöpfer. Aber nicht nur für die geglückte Rettung. Auch für dieses wundervolle Wesen, das in meinen Armen im Grase lag. Ich herzte und küsste sie. Sie herzte und küsste mich. Du, du … Unser erstes DU. Zwei Neugeborene. Es war besiegelt. Wir gehörten zusammen. Mit allen Konsequenzen.

Johanna:

Aber der Weg zum Ehebund sollte kein leichter sein. Wie jeder Weg in unserem Leben.

Musik: So wahr die Sonne scheint [ Rückert / Kinkel]

2.… und wenn die Welt voll Teufel wär‘ ..

Wider Konvention, Konfession & Comment
Liebe ist stärker als der Tod

Peter:

Gottfried Kinkel und Johanna Mathieux, geb. Mockel wurden ein Paar. Aus Geschwistern im Geiste war ein Liebespaar geworden. Doch diese Beziehung vereinte so viele Gegensätze in sich, dass beide umgehend zum Stadtgespräch wurden. Es war eine Zeit des Umbruchs, wie heute. Das bringt Spaltung mit sich. Genau die zeigte sich auch hier:

Das Bonner Spießbürgertum schnitt die beliebte Musikpädagogin fortan. Professor Kinkel verlor seinen Lehrstuhl, war aber später an der kunsthistorischen Fakultät überaus erfolgreich.

In nach Freiheit und Demokratie strebenden Kreisen wurden die beiden anerkannte Führungspersönlichkeiten. In Oberkassel gründeten sie mit anderen Poeten den Maikäferbund. Eine ebenso poetische wie intellektuell gesellige Runde, in der der dort angebaute Rheinwein sicher keine Nebenrolle spielte. Die Bonner Damen hingegen blieben bei ihrer Meinung. Doch hören Sie selbst:

Johanna:  

Im Nullkommanichts verlor ich meine Klavierschülerinnen. Mal mit fadenscheinigen Ausreden, mal mit handfesten Beleidigungen: „Also wissen Sie, Madame Mathieux, Sie mögen ja eine sehr gute Klavierlehrerin sein, aber einer Person Ihres Lebenswandels möchten wir unser Jettchen wirklich nicht mehr anvertrauen. Au revoir!“ – Geh mit Gott!     

Um unsere Existenz mussten wir kämpfen, um die Anerkennung der Freunde in keiner Weise. Herrliche Stunden verlebten wir beim Maikäferbund mit rauschenden Stiftungsfesten zu Peter und Paul. Gedichte voller Patriotismus, aber auch voller Humor entstanden. Ich schrieb und komponierte Singspiele, Gottfried schliff an seinem unglaublichen Rednertalent. Am 25.Mai 1843 war das dritte Trennungsjahr abgelaufen und wir heirateten auf den Tag.

Gottfried:  

Ja, es war eine herrliche Zeit bei den Maikäfern. Noch heute wird das Stiftungsfest gefeiert, also in eurer Gegenwart. Halt mehr als Kirmes. Die Zeiten damals aber wurden immer gäriger. Statt Biedermeier-Romantik herrschte Vormärzstimmung. Wir fortschrittlichen Bürger stemmten uns gegen Monarchie und Adel. Wir wollten Freiheit, Demokratie und Parlamente.             

Große Hoffnung setzten wir in den neuen preußischen König Friedrich Wilhelm IV. Er schien es gut mit seiner Rheinprovinz zu meinen. Am 18. März 1848 ging er auf die Forderungen, die ich mit anderen Professoren an ihn gerichtet hatte, ein und gewährte völlig neue Freiheiten. Pressefreiheit! Hurra!

Wir feierten in Bonn ein rauschendes Freiheitsfest. Die Trikolore in Händen, schwarz, rot, gold, führte ich den Zug an und hielt eine flammende Rede auf der Freitreppe des Rathauses. Dass derselbe Monarch wenig später die Berliner Arbeiter, Handwerker und Professoren von den Barrikaden schießen würde, ahnten wir nicht.

Wir hatten einen Lauf. Ich gründete den ‚Demokratischen Verein‘, eine Art Partei, und gab die Bonner Zeitung heraus, unser Sprachrohr. Der Carl Schurz, mein Schüler und späterer Retter, hat es richtig gesehen: ich war so eine Art ‚Herz-Jesu-Sozialist‘. Der Marx war mir zu radikal.

Johanna:

Es war vielleicht unsere schönste Zeit. So voller Hoffnung und Aufbruch. Ich unterstützte meinen Gottfried nach Leibeskräften. Kinder großziehen, einen Haushalt führen, politisch kämpfen, in jungen Jahren bekommt man so vieles unter einen Hut. Nur meine geliebte Musik, meine Berufung, die trat in den Hintergrund. Aus der Komponistin war eine Dichterin geworden, vor allem aber eine Freiheitskämpferin und hingebungsvolle Mutter.

Musik: Wiegenlied

3. … denn er hat seinen Engeln befohlen …

            Befreiung & Flucht

Gottfried:

Über Umwege kam ich dann in die Pfalz, ins Königreich Bayern, wo ich Teil der provisorischen demokratischen Regierung wurde. Schließlich beteiligte ich mich an der badischen Revolution.

Johanna:

Um prompt angeschossen zu werden! Zum Glück nur ein Kratzer. Viel schlimmer war, dass er nur knapp der standrechtlichen Erschießung entging. Dank seiner glühenden Verteidigungsrede wurde die geforderte Todesstrafe umgewandelt. Lebenslänglich wegen Aufstands gegen die preußische Staatsgewalt.

Gottfried:

Es war eine Odyssee durch Gefängnisse. Wollespulen. Dreizehn Stunden am Tag. Eine Demütigung für einen Geistesmenschen! In Spandau können Sie meine letzte Station noch besichtigen. Mit Memoiren schreiben lenkte ich mich ab.

Johanna:

Ich habe weder gerastet, noch geruht. Ich wollte meinen Mann, den Vater unserer geliebten vier Kinder, zurück. Wie gut, dass Carl Schurz noch da war. Später war er ja General im amerikanischen Bürgerkrieg, dann Innenminister. Jetzt war er hier noch ein steckbrieflich gesuchter politischer Aufwiegler. Aber tausendmal schlauer als seine royalen Verfolger. Selber unter falscher Identität auf der Flucht, bestach er mit Spendengeldern den Festungsaufseher und schon öffnete sich ein Dachfenster und mein sportiver Gottfried glitt an einem Tau herab auf das Spandauer Kopfsteinpflaster, uns in die Arme.

Musik: An den Mond [Goethe / Kinkel]

4. Fazit: Freiheit, Liebe, Dichtung & Musik statt Ausgrenzung, Hass & Gegröle

Johanna:

Mit Carl gemeinsam flohen wir nach England. Drei Emigranten, vier Kinder, mittellos.

Gottfried:

Ja, ich habe meiner Johanna viel zugemutet. Zuviel. Irgendwann griff das ihre Gesundheit an. Mit Schurz bereiste ich Amerika, hielt Vorträge, um Spenden für die demokratische Sache zu sammeln. Mit wenig Erfolg. Ich auf Reisen, sie bei den Kindern. Ich war der Träumer, sie Realist.

Johanna:

Und die Realität war nicht rosig. Migranten sind keine Solidaritätsgemeinschaft. Ihre Community gleicht einem Haifischbecken. Ich habe es mir in einem Roman von der Seele geschrieben. Doch wieder zogen wir uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Ich gründete eine Kindersingschule.

I had a lot of pleasure with my English kids, more than in Bonn.

Und Gottfried, der begabte Hund, lernte schnell Englisch. Das war einträglicher als Griechisch, Latein und Hebräisch. Als Deutschlehrer sicherte er seinerseits das Einkommen. Aber in mir war etwas zerbrochen. Ich fand nicht mehr recht zu Kräften.

Gottfried:

Mich plagte das Gewissen. Der Kampf um Freiheit und Demokratie, UNSER Kampf, hatte Spuren in Johannas Körper und Seele hinterlassen. Eigentlich ging es uns besser. Aber aus ihr war die Kraft gewichen. Und dann geschah es!

Peter:

Johanna Kinkel stürzt am 15. November 1858 in London aus dem Fenster. Ob sie, von Luftnot geplagt, das Gleichgewicht verlor, ob es ein Akt der Verzweiflung war. Wir werden es nie wissen. Ihr Begräbnis vereinte die zerstrittene Migrantenszene für einen Moment. Ferdinand Freiligrath widmete ihr eine Hymne.

Gottfried Kinkel baute sich eine neue Existenz auf. Heute würde man sagen, er erfand sich neu. In der Schweiz wurde er zu einem hochgeachteten kunsthistorischen Spezialisten und akademischen Lehrer. Mit seiner zweiten Frau bekam er wieder vier Kinder.

Johanna blieb zu Lebzeiten die Anerkennung der Musikwelt letztlich versagt. Man lobte ihr „für eine Frau“ beachtliches Talent, was sie ungemein ärgerte. Viele Großmeister konnten sich völlig ihrer Berufung widmen, oft unhinterfragt unterstützt von einer liebenden Gattin.

Gottfried und Johanna haben ihre Talente gegenseitig anerkannt und sich befeuert. Johannas Talent musste aber immer wieder in musikalischer Fronarbeit den Unterhalt sichern. Klavier und Haushaltsführung sind schwer in Einklang zu bringen. Existenzielle Not hemmt die Kreativität.

Heute haben wir diese beiden, die ihrer Zeit weit voraus waren, aus der Versenkung geholt. Neben dem Denkmal in Königswinter sei ihnen ein geistiges auf dem Lorenzberg errichtet. Möge ihr Leben uns Anregung sein. Letztlich haben sie den Kampf um Freiheit und gegen die blutrote Monarchie Friedrich Wilhelms IV aus ihrer christlichen Überzeugung gefochten. Die Arroganz der damals Mächtigen und ihrer Reaktion, die gerne christlich verbrämt daherkam, hat sie verfolgt und bedrückt, aber nicht besiegt!

Behalten wir sie als mutige Christen und Kämpfer für eine menschliche Welt, ein menschliches Deutschland in Erinnerung. Doch das letzte Wort, die letzte Melodie soll Johanna Kinkel behalten, die uns durch Anna Major noch einmal ganz nahekommt.

Musik: O, Lord, Remember Me [Anonymus / Kinkel]